150 Jahre : Ein Adelstitel für das Städtische

„Das bin ich“: Die frühere Krankenschwester Gertrud Koll zeigt auf ein Bild, das in den 50er-Jahren bei der Visite entstand.
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„Das bin ich“: Die frühere Krankenschwester Gertrud Koll zeigt auf ein Bild, das in den 50er-Jahren bei der Visite entstand.

Zum 150. Geburtstag stellt das Städtische Krankenhaus eine historische Bilderschau aus. Eine frühere Krankenschwester (87) erinnert sich an eine schöne Zeit, und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer verleiht der angesehenen Klinik einen Adelstitel.

shz.de von
27. Juli 2015, 18:36 Uhr

Mit eindrucksvollen großformatigen Fotografien aus der 150-jährigen Klinikgeschichte und einer Chronik in Buchform feiert das Städtische Krankenhaus sein Jubiläum. Einst als „Arbeitsanstalt“ mit winziger Krankenstation von der Gesellschaft freiwilliger Armenfreunde gegründet, steht das Krankenhaus heute landesweit bei den Geburten an der Spitze. Angesichts von 1700 Menschenkindern, die hier jährlich das Licht der Welt erblicken, sprach Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer von „Dank, Anerkennung und Vertrauen der Bevölkerung“.

Die Kieler könnten sich auf ihr Krankenhaus jederzeit verlassen, lobte der Oberbürgermeister in seiner Festrede. „Und wenn wir von unserem ,Städtischen‘ reden, und nicht etwa vom SKK“, sei das ein schöner Adelstitel für die Klinik. Kämpfer lehnt auch eine immer wieder mal ins Gespräch gebrachte Privatisierung strikt ab: „Nicht, solange ich etwas zu sagen habe.“

Auch Geschäftsführer Roland Ventzke erinnerte an 150 Jahre erfolgreicher Arbeit im Sinne der Gesundheit. Er sieht das Städtische Krankenhaus vor einer neuen historischen Phase, wird doch der moderne Westflügel in wenigen Wochen eingeweiht. „Dann sind sämtliche Intensiv-Abteilungen neu eingerichtet und gut aufgestellt“, erklärte der oberste Dienstherr von 1700 Mitarbeitern und fügte hinzu: „Wir stehen vor einem Generationswechsel.“

Zur Generation der Veteranen gehört eindeutig Gertrud Koll. Die heute 87-jährige Dame war Ehrengast bei der Jubiläumsfeier, von 1949 bis 1988 kümmerte sich die Krankenschwester im Städtischen an ungezählten Betten um die Kranken. „Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich die rüstige Frau, die heute noch gelegentlich mit Kollegen aus ihrer aktiven Zeit beim Swing-Tanzen im „Blauen Engel“ zu beobachten ist. Gemeinsam gesungen habe man damals auf der Station, und im Advent wurde der Pförtner mit „O Du Fröhliche“ überrascht. Überhaupt sei es in den Jahrzehnten nach dem Kriege familiärer zugegangen, mit der Hektik und auch mit der Technik von heute kann sie sich nicht so richtig anfreunden. Gertrud Koll hat ihre ganz eigenen Erfahrungen: „Das Wort hilft manchmal besser als alles andere. Wir hatten ja noch Zeit, die Hand des Kranken zu nehmen“, erzählt die Frau, die „mit Leib und Seele“ Krankenschwester war. Über allzu hochtrabende Worte von Chefärzten habe man hinter vorgehaltener Hand gespottet: „Das Wort zum Sonntag.“

Mit der Entwicklung der modernen Medizin und dem Einsatz der Technik beschäftigte sich auch der ärztliche Direktor Dr. Markus Kuther. Immerhin habe sich im Laufe der Zeit die Müttersterblichkeit auf ein Hundertstel der frühen Werte reduziert, ähnlich wie die Kindersterblichkeit – und die Lebenserwartung der Menschen habe sich verdoppelt. Doch auch Kuther plädiert für eine ganzheitliche Medizin. Der Mensch, vor allem der kranke Mensch, sei eben „ein höchst individuelles paradoxes System“. Selbst der intensivste Laborbefund kann nach Kuthers Worten den direkten Kontakt am Krankenbett nicht ersetzen. Seinen Zuhörern empfahl er (in Abwandlung eines bekannten Spruches von Alt-Kanzler Helmut Schmidt): „Wer krank ist, sollte zu einem Arzt mit Visionen gehen.“

Wie sich im Laufe von 150 Jahren auch die Berufskleidung der Schwestern gewandelt hat, zeigte eine kleine Vorführung in Originaltrachten. Das lange Kleid mit Schürze, die dunkle Bluse und die weite Haube aus der Anfangszeit (nicht nur) des Städtischen Krankenhauses entstammten den Vorstellungen des Christlichen Ordens. Heute fällt die Dienstkleidung mit weißem Hemd und weißer Hose deutlich schlichter, aber eben auch wesentlich praktischer aus. Die Ausstellung im Foyer und die Chronik – zu einem Preis von 15 Euro erhältlich – belegen die Veränderungen in anderthalb Jahrhunderten. In der Wissenschaft ebenso wie im Erscheinungsbild der Mitarbeiter.  

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