Landgericht Kiel : Ehefrau mit 23 Messerstichen getötet - Angeklagter gesteht

Der Angeklagte am Mittwoch zu Prozessbeginn.

Der Angeklagte am Mittwoch zu Prozessbeginn.

Sie trennt sich wegen seiner Gewalttätigkeiten von ihm, bekommt das Sorgerecht für die drei Kinder. Wenige Tage später ist die Frau tot. Ihr Mann steht wegen heimtückischen Mordes vor Gericht - und räumt die Tat ein.

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09. November 2017, 12:33 Uhr

Kiel | Anfangs ist es nur ein leises Schluchzen. Es begleitet die Verlesung der Anklage. Als der Richter dann das blutverschmierte Messer zeigt, schreien Frauen im Zuschauerraum verzweifelt auf. Eine muss, von Weinkrämpfen geschüttelt, vor die Tür gebracht werden.

Es sind Freundinnen und Verwandte von Dilek V. (34). Die Kielerin verblutete mit aufgeschlitzten Halsschlagadern auf dem Gehweg vor dem Kindergarten. Vor dem Kieler Landgericht muss sich Ehemann Aytekin A. (40) für die Tat  verantworten. Dilek V. hatte sich von ihm getrennt, wenige Tage zuvor das alleinige Sorgerecht für die drei Kinder erhalten. Er soll daraufhin 23 Mal auf sie eingestochen haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft Aytekin A. heimtückischen Mord vor. Am 15. März soll er vor ihrer Haustür gewartet haben – mit einem Keramik-Küchenmesser, die Klinge 20 Zentimeter lang. „Als Dilek V. sich mit dem gemeinsamen fünfjährigen Sohn auf den Weg zum Kindergarten machte, sprach er den Jungen an“, sagt die Staatsanwältin. „Es kam zum Streit, weil Dilek V. dem Angeklagten verweigerte, an diesem Tag etwas mit dem Sohn zu unternehmen.“ Sie sei weitergegangen, der Angeklagte ihr gefolgt. Die Staatsanwältin: „Er führte 23 Stiche und Schnitte, durchtrennte die Halsschlagadern.“

Andere Mütter wurden Zeugen der grausigen Bluttat. Ebru D. (26) berichtet: „Er sprach mit dem Jungen, hatte sich zu ihm gebeugt. Sie sagte auf türkisch: ,Nein heute geht es nicht, ihr könnt es am Wochenende machen.‘ Es gab Streit, dann hörte ich die Schreie des Sohnes, er rief: ,Hilfe, Hilfe‘ und lief zu mir. Er hielt mich fest, wollte mich dazu bringen, seiner Mutter zu helfen. Ich sagte: ,Es wird nichts passieren, lauf in den Kindergarten‘. Das tat er. Die Frau lag da schon auf dem Boden, und der Mann führte das Messer einmal so um ihren Hals herum.“ Die Zeugin macht eine kreisförmige Bewegung. „Da hörte sie auf zu schreien, ihre Füße flatterten kurz, dann bewegte sie sich nicht mehr. Der Mann stand auf und guckte auf die Frau. Wir schrien. Ihr Blut floss auf den Gehweg.“

Zwei Streifenpolizisten trafen kurz darauf ein. Einer der Beamten (33) sagt zum Richter: „Der Angeklagte kam mit erhobenen Händen auf uns zu. Sie waren blutverschmiert. Sein Blick war leer, wir legten ihm die Handschellen an. Zehn Minuten später fing er dann an zu weinen.“

Die Ehe, 2010 geschlossen, war für Dilek V. ein einziges Martyrium. In einer eidesstattlichen Versicherung für das Familiengericht schrieb sie: „Er war ein sehr aggressiver Mensch, und ich habe es nicht geschafft, mich gegen ihn aufzulehnen.“ Sie berichtete von einem Türkeiurlaub, bei dem der Ehemann ihr den Kopf immer wieder gegen die Wand schlug – und von einem Streit in der Küche, bei dem Aytekin A. bereits zum Messer gegriffen hatte. Damals floh Dilek V. barfuß aus der Wohnung. Diesmal konnte sie ihm nicht entkommen.

Der Angeklagte gesteht die Tat in einem Brief an den Richter: „Ich schäme mich, meine Frau getötet zu haben, verzweifle mit Abscheu an mir selbst. Ich traue mich nicht, um Entschuldigung zu bitten, zu schrecklich ist, was ich meiner Frau und meinen Kindern angetan habe.“

Zum Prozess hat das Gericht zehn Nebenkläger aus dem engsten Familienkreis zugelassen. Für die Verhandlung sind fünf Tage angesetzt. Das Verfahren soll am 16. November (9.15 Uhr) fortgesetzt werden.

Dieses Video veröffentlichte shz.de am Tattag:

Was bisher bekannt ist:

Dilek V. hatte am 15. März 2017 ihren jüngsten Sohn wie immer gegen 9 Uhr zu Fuß in die Kindertagesstätte „Am Wasserturm“ bringen wollen, sie wohnt nur fünf Minuten entfernt. Dabei fing Ehemann Aytekin A. (40) sie ab. „Die Ermittler der Kieler Mordkommission gehen von einem Beziehungsstreit zwischen den getrennt lebenden Eheleuten aus“, sagte Polizeisprecher Finn-Ole Henning. Nach Informationen von shz.de ging es dabei um das Sorgerecht.

Aytekin A. wurde an einem Supermarkt unweit des Tatorts festgenommen. Die Getötete hatte ihren Ehemann geheiratet, als sie 17 Jahre alt war, bekam mit ihm drei Kinder, zwei Söhne (5 und 15) und eine Tochter (10).

Die Spurensicherung am Tatort: Die Bluttat ereignete sich in der Nähe der städtischen Kindertagesstätte am Wasserturm.
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Die Spurensicherung am Tatort: Die Bluttat ereignete sich in der Nähe der städtischen Kindertagesstätte am Wasserturm.

Vergangenen Sommer trennte sich Dilek V. dann. Eine Freundin (42) erzählte damals: „Sie hat das nach einem Türkeiurlaub entschieden, bei dem er sie brutal zusammengeschlagen hat, ihr und den Kindern die Pässe wegnahm und dann einfach allein nach Deutschland zurückflog.“ Die Mutter zog mit ihren Kindern aus, ein paar Tage vor der Tat sprach ihr ein Gericht das alleinige Sorgerecht zu. „Das hat Aytekin nicht verkraftet“, so die Freundin. „Er erzählte überall, er dürfe die Kinder nicht mehr sehen. Doch das stimmte nicht, es gab eine Besuchsregelung, und Dilek hat den Kindern immer gesagt: ,Er bleibt euer Papa‘. Sie war eine so herzensgute Frau, ein Engel.“

Am Tatort versammelten sich nach der Tat zahlreiche Freunde. Viele der Frauen weinten, einer der Männer sagte zu einem Polizisten: „Wir haben doch gesagt, dass so etwas passieren wird, warum habt ihr sie nicht beschützt?“ Aytekin A. soll auch nach der Trennung mehrfach gewalttätig geworden sein. Die Staatsanwaltschaft konnte entsprechende Vorfälle damals nicht bestätigen.

Die drei Kinder wurden in Obhut des Kieler Jugendamtes genommen. Leiterin Marion Muerköster sagte im März zu shz.de: „Sie werden psychologisch betreut und sind gemeinsam in einer Pflegefamilie untergebracht.“ Der Fall weckt traurige Erinnerungen an den Tod von Delali A. (38). Die Frau war am 7. Dezember in der Kieler Nachbargemeinde Kronshagen von ihrem Ehemann auf dem Gehweg angezündet worden, nachdem beide ihre Kinder, zwei Jungen, in Schule und Kita gebracht hatten. Sie starb.

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