Zweckgemeinschaft : Durchbruch beim Kraftwerksbau

So sieht der Entwurf für das Kraftwerk aus: Rechts die vier Hallen für die Gasmotoren, links der mächtige, 60 Meter hohe Wärmespeicher.
So sieht der Entwurf für das Kraftwerk aus: Rechts die vier Hallen für die Gasmotoren, links der mächtige, 60 Meter hohe Wärmespeicher.

Nach monatelangen schwierigen Verhandlungen demonstrieren Stadt und der Energiekonzern MVV eine überraschende Einigkeit. Gemeinsam wollen sie jetzt das moderne Gasmotoren-Heizkraftwerk errichten. Die Kosten liegen bei 280 Millionen Euro.

shz.de von
15. Mai 2015, 10:23 Uhr

Viele Beobachter hatten schon nicht mehr daran geglaubt. Doch seit gestern steht sie, die neue Einigkeit zwischen der Stadt, mit 49 Prozent Minderheitseigentümer an den Kieler Stadtwerken, und dem Energiekonzern MVV, dem 51 Prozent gehören. „Wir setzen die Partnerschaft fort“, betonen die beiden Stadtwerke-Besitzer in der gestrigen Presseerklärung und lassen den wichtigsten Satz folgen: „Das Projekt Gasmotoren-Heizkraftwerk (GHKW) wird gemeinsam vorangetrieben.“ Mit 280 Millionen Euro wird das GHKW zum größten Energievorhaben im Lande. Bereits 2018 soll das Kraftwerk ans Netz gehen.

Monatelang hatte es ganz anders ausgesehen. Die MVV, mit ihrer Zentrale in Mannheim ansässig, dachten laut über einen Ausstieg bei den Kieler Stadtwerken nach. Und im Rathaus an der Förde wiederum mehrten sich die Stimmen, die MVV-Anteile zurückzukaufen oder der Stadt Kiel zumindest wieder eine Mehrheit an den Stadtwerken zu sichern. Das Projekt Kraftwerksbau geriet vor diesen Querelen in den Hintergrund. Meist waren es Blindgängerfunde auf der Baustelle, die Schlagzeilen brachten.

Für die strategische Wende in der MVV-Geschäftspolitik sorgte offenbar Sigmar Gabriel (SPD), Vize von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Wirtschafts- und Energieminister im Bundeskabinett. Er sicherte der Landesregierung jüngst beim Besuch im Norden eine erhöhte Förderung für das geplante Kraftwerk zu, das auf Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) beruht. Gestern, bei der gemeinsamen Runde im Rathaus, gingen die Experten davon aus, dass der Zuschuss von gegenwärtig 2,1 Cent pro Kilowattstunde um die Hälfte auf 3,1 Cent in den ersten Betriebsjahren steigen könnte. In der Summe macht das einen Betrag von 120 Millionen Euro aus.

Das offizielle Berliner Gesetzespaket steht noch aus, doch während dieser politischen Wartezeit laufen die technischen Vorbereitungen. Die letzten Räumungsarbeiten sollen im Herbst abgeschlossen sein, die Bauarbeiten des Wärmespeichers und des sogenannten Elektrodenkessels haben bereits begonnen. Im Frühjahr 2016 sollen sämtliche Bau-Entscheidungen vorliegen, dann wird auch mit dem ersten Spatenstich für das Kraftwerk gerechnet.

„Das ist kein Selbstläufer, wir haben noch einiges zu tun“, erklärte gestern der MVV-Vorstandsvorsitzende Georg Müller. Doch er zeigte sich zugleich erleichtert, dass mit den erhofften Berliner Entscheidungen „die Energiewende beschleunigt wird“. Und das innovative GHKW in Kiel wäre für ihn dann das Paradebeispiel.

Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer freute sich nach dem ausgestandenen Streit mit MVV natürlich über das „gemeinsame Bekenntnis zum Kraftwerk. Die Phase der Unsicherheit sei vorüber, das Projekt werde ohne Zäsur vorangetrieben. Kämpfer sprach einem „guten Tag für Kiel und die Stadtwerke“. Das jetzige Kohlekraftwerk auf dem Ostufer könne abgeschaltet werden, sobald das benachbarte GHKW seinen Betrieb aufgenommen habe.

Die moderne Anlage mit einer elektrischen und thermischen Leistung von jeweils 190 Megawatt (MW) sichere die Fernwärmeversorgung. Mehr noch: Das hochmoderne Kraftwerk mit seinen flexiblen Gasmotoren könne auf einen Schlag sämtliche klimapolitischen Ziele der Stadt einlösen. Kämpfer wörtlich: „Die gesamte Bundesrepublik schaut auf dieses einzigartige Projekt.“

Die Politik befürwortet übereinstimmend die neue Abmachung. Die FDP hält allerdings fest, dass „durch die Ausstiegsankündigung von MVV wertvolle Zeit verloren gegangen ist“. Nach Bewertung der CDU hätte man das „Pokerspiel um Kraftwerk und Stadtwerke“ bei einer verantwortungsvollen Politik vermeiden können. SPD, SSW und Grüne sprechen in ihrer gemeinsamen Erklärung von einem „bitteren Nachgeschmack“. Das Vertrauen in die MVV habe erheblich gelitten. Unverändert hält die Rathaus-Mehrheit aber am Ziel fest, „mittelfristig mindestens 51 Prozent der Stadtwerke zu besitzen“.  

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