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Kiel

23. August 2017 | 04:58 Uhr

Dumme Fragen gibt es hier nicht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Annette-von-Rantzau-Gemeinschaftsschule und das Internat Schloss Rohlstorf betonen in ihrem Konzept das angstfreie Lernen

Idyllisch ist es hier. Selbst jetzt in diesen letzten kühlen Wintertagen strahlt das Gut Rohlstorf nördlich von Bad Segeberg Ruhe und Geborgenheit aus. Vom Eingangsportal des Haupthauses zum Anlegesteg am Wardersee ist es nur ein Katzensprung über die grüne Wiese, auf der im Sommer ein Volleyballnetz gespannt werden kann. An Land gezogene Sportboote warten nur auf den Beginn der Saison. Segeln gehört ebenso wie Schwimmen, Tennis oder Reiten zum sportlichen Angebot des Internats Schloss Rohlstorf mit seiner eigenen Annette-von-Rantzau-Gemeinschaftsschule.

„Die Stärken stärken und die Schwächen schwächen“ – unter dieser Devise hat die Initiatorin und Namensgeberin vor 15 Jahren die Gründung vorangetrieben. Das damalige Internat musste Insolvenz anmelden, die Zukunft der Einrichtung stand in den Sternen. „Strom und Heizung liefen nicht mehr, selbst die Essensversorgung war gefährdet“, erinnert sich Michael Roelofs, der zwei Jahre zuvor als Sozialpädagoge im Heim-Internat angefangen hatte (die Kinder besuchten noch die Schulen in der Umgebung).

„Das ist meine Stunde“, sagte sich damals Annette von Rantzau. Die vierfache Mutter wollte ihr pädagogisches Konzept umsetzen: individuelle Förderung, angstfreies Lernen in kleinen Gruppen, Selbstvertrauen, Teamgeist und Eigenverantwortung stärken. Sie übernahm das Personal der alten Einrichtung und richtete zunächst ein Sommercamp für Schüler ein.

Die ersten Erfahrungen waren ermutigend, aber offenbar noch nicht ausreichend. „Unsere Pädagogik griff noch nicht so richtig. Wir mussten ständig alles neu erklären. Dabei sollen eigentlich die Kinder das Konzept untereinander weitergeben“, erklärt Annette von Rantzau. Logische Folgerung: Am 1. Februar 2003 nimmt auf Rohlstorf die neue Internat-Schule ihre Arbeit auf.

Insgesamt 90 Mädchen und Jungen besuchen heute die Gemeinschaftsschule. 70 von ihnen wohnen vor Ort im eigenen Internat, 20 „Externe“ kommen aus den Dörfern der Umgebung. In der Klassenstufe 5/6 wird noch jahrgangsübergreifend unterrichtet, es schließen sich die Klassen 7 bis 10 an. Grundsätzlich zwei Lehrer unterrichten in jeder Stunde ihre 18 Kinder, das gestattet, wie es in der typischen Pädagogensprache heißt, eine große „Binnendifferenzierung“. Am Ende ihrer Schulzeit können die Jugendlichen auf Rohlstorf dann den Realschul- oder zumindest den Hauptschulabschluss ablegen.

Der Schulbesuch kostet 200 Euro monatlich, fürs Internat liegt der monatliche Satz bei 2000 Euro. Aber es ist nicht allein der Nachwuchs aus gut betuchten Familien, der auf Schloss Rohlstorf zur Schule geht. Es gehören aktuell auch 35 Kinder dazu, die über die Jugendhilfe vermittelt wurden. „Den Unterschied erkennt man im Speisesaal nicht“, sagt Annette von Rantzau und spricht mit Blick auf die Rohlstorf-Schülerschaft von einem „Querschnitt der heutigen Gesellschaft“.

Auch drei Flüchtlingskinder sind dabei, zwei junge Afghanen und ein junger Syrer, die ohne erwachsene Begleitung nach Deutschland gekommen sind. Alle drei lernen erstaunlich schnell Deutsch, wie Roelofs beobachtet, der heutige Geschäftsführer auf Schloss Rohlstorf. Ihr Lernwille ist erstaunlich, das bewundert auch Annette von Rantzau: „Wir merken, dass es toll ist, dass sie da sind.“

Pferde im Stall, mit dem Wardersee ein Freigewässer vor der Tür – die Arbeit im Internat bedeutet auch eine „Riesen-Verantwortung“, wie Roelofs betont. Er selbst sorgt dafür, dass die Schüler „ganz schnell schwimmen lernen“, bevor sie beispielsweise im Optimisten ihr Segelboot steuern dürfen. Das Gleiche gilt für den kleinen Pferdehof, auf dem stets ein Experte dafür sorgt, dass niemand unter die Hufe gerät.

Andererseits gehört die Förderung der Selbstständigkeit zum Konzept der Annette-von-Rantzau-Gemeinschaftsschule. Der pädagogische Grundsatz lautet: „Wir mögen Dich so, wie Du bist. Wir vertrauen auf Deine Fähigkeiten. Wenn Du uns brauchst, sind wir da. Versuche es zunächst einmal selbst.“

Mit Respekt dem Tier wie dem anderen Menschen begegnen, auch das will die Gemeinschaftsschule ihren 90 Kindern beibringen. Niemand soll sich schämen müssen, wenn er im Unterricht den Finger hebt, weil er etwas nicht verstanden hat. Denn für Annette von Rantzau und Michael Roelofs steht fest: „Es gibt keine dummen Fragen. Es gibt nur dumme Antworten.“

 

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erstellt am 14.Mär.2016 | 14:23 Uhr

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