Jugendkriminalität : Die Zahl der Straftäter sinkt

Die Beteiligten zeigen sich zufrieden: (von links) Inja Möller (Stabsstelle Jugendhilfeplanung), Polizeichef Rolfpeter Ott, Stadträtin Renate Treutel und Axel Noll (Sozialzentrum in Gaarden) mit dem aktuellen Bericht zur Jugendkriminalität in Kiel.
Die Beteiligten zeigen sich zufrieden: (von links) Inja Möller (Stabsstelle Jugendhilfeplanung), Polizeichef Rolfpeter Ott, Stadträtin Renate Treutel und Axel Noll (Sozialzentrum in Gaarden) mit dem aktuellen Bericht zur Jugendkriminalität in Kiel.

Die Statistik zur Jugendkriminalität belegt: Der Nachwuchs in der Landeshauptstadt wird immer friedfertiger und ehrlicher. Der Trend ist seit Jahren zu beobachten – auch wenn ein einzelner Stalker mit Hunderten von bedrohlichen E-Mails in der Statistik ein verkehrtes Bild liefert.

shz.de von
04. September 2018, 17:29 Uhr

Allem Vorurteil über die Bedrohungslage in der Stadt zum Trotz: Die Jugendkriminalität in der Landeshauptstadt ist seit Jahren rückläufig – und 2017 erneut auf ein Rekordtief gefallen. Auch für die seit Monaten heftig diskutierte wachsende soziale Spaltung liefert der jüngste Bericht nur bedingt Argumente. Denn selbst in schwierigen Stadtteilen wie Gaarden oder Mettenhof sinkt das Risiko, einer Straftat von Jugendlichen zum Opfer zu fallen.

Insgesamt 472 Straftäter zwischen 14 und 20 Jahren wurden im vergangenen Jahr registriert. Das entspricht einer Quote von 2,8 Prozent der gesamten Altersgruppe. Zum Vergleich: 2012 gab es noch 890 junge Straffällige (5,5 Prozent der Gleichaltrigen), 2008 waren sogar 1198 junge Menschen mit dem Gesetz in Konflikt gekommen (7,2 Prozent). Die Kieler Stadträtin Renate Treutel freut sich: „Wir sind auf dem richtigen Weg. Die Zahlen sind Wasser auf die Mühlen unserer Prävention.“

Natürlich ist die Entwicklung keinesfalls einheitlich. Insbesondere bei schweren Straftaten wie Raub, Brandstiftung, gefährlicher Körperverletzung oder Totschlag sind die (niedrigen) Zahlen weiter rückläufig. Angestiegen sind dagegen Delikte im Sexualbereich (68 waren es 2017, „nur“ 30 im Vorjahr). Das ist möglicherweise dem offeneren Umgang zuzuschreiben – Vergehen werden nicht mehr totgeschwiegen.

Der klassische Ladendiebstahl (156 aktuelle Fälle) gehört weiterhin zu den häufigsten Straftaten der Jugendlichen, ebenso wie Betrug (175), Körperverletzung (99), Sachbeschädigung (94) oder Urkundenfälschung (86). Eine Sonderrolle fällt dem Handel mit Betäubungsmitteln zu. Die Zahlen waren stark gesunken, haben sich jetzt (133 Fälle) gegenüber dem Vorjahr (66) wieder verdoppelt. Das entspricht auch der Beobachtung von Kiels neuem Polizeichef Rolfpeter Ott: Vom Balkon bis zu Plantagen – der Anbau unerlaubter Drogen hat zugenommen.

Weniger Straftäter, aber ein deutlicher Zuwachs an Straftaten (aktuell 3559, im Vorjahr waren es 2473) – dieser scheinbare Widerspruch ist leicht zu erklären. Mittlerweile reihen die Autoren des Jugendkriminalitätsberichtes nämlich zwei Drittel aller Delikte (2331) als „sonstige Straftaten“. Dahinter verbergen sich beispielsweise Hunderte von E-Mails eines einzigen Stalkers oder ebenso viele Taten eines einzelnen Cyber-Straftäters im Internet. Künftig aber werden diese Taten genauer aufgelistet, wie Inja Möller von der Stabsstelle Jugendhilfeplanung ankündigt. Der Bericht will einfach mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit Schritt halten.

Axel Noll, Leiter des Sozialzentrums in Gaarden, steuerte gestern zur Erklärung für die sinkende Jugendkriminalität seine eigene Beobachtung bei. Straßengangs, wie man sie noch vor ein paar Jahren in einigen Kieler Vierteln antreffen konnte, gibt es heute nicht mehr. Die Mitglieder haben sich wohl in ihre eigenen vier Wände zurückgezogen. Noll wörtlich: „Heute sitzen sie hinter der Konsole.“

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