Theater-Premiere : Die Ukulele findet überall ihren Platz

Der Fürsorge überdrüssig: Tim Becker (gespielt von Sven Bohde) wagt trotz seiner Blindheit die Abnabelung, seine Mutter (Heike Börgert) will aber nicht weichen.
Der Fürsorge überdrüssig: Tim Becker (gespielt von Sven Bohde) wagt trotz seiner Blindheit die Abnabelung, seine Mutter (Heike Börgert) will aber nicht weichen.

Die Niederdeutsche Bühne Kiel stellte mit „Bottervagels sünd free“ ihre letzte Premiere in der laufenden Saison vor. Das Vier-Personen-Stück beschäftigt sich mit Fragen wie Abnabelung und Erwachsenwerden, mit Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Ein Happy-Ende war unter diesen Umständen nicht zu erwarten.

shz.de von
05. Mai 2015, 18:10 Uhr

Silvie (gespielt von Maria-E. Maskow) ist ein typisches Kind der Hippie-Zeit: gutmütig und freigiebig, unstet und flatterhaft wie ein bunter Schmetterling. In „Bottervagels sünd free“, der letzten Saison-Premiere der Niederdeutschen Bühne in Kiel, fällt ihr die Aufgabe zu, das angespannte Verhältnis zwischen dem blinden jungen Mann Tim (Sven Bohde) und seiner (über-)fürsorglichen Mutter (Heike Börgert) zu entkrampfen. Tim war aus der elterlichen Wohnung ausgezogen. In seiner neuen Bude verliebt er sich prompt in die aufregende Nachbarin.

Argwöhnisch betrachtet Tims Mutter anfangs die Liaison, doch die spontan-ehrliche Art des lebenslustigen Mädchens nimmt auch sie gefangen. Silvie öffnet ihr die Augen für die Bedürfnisse ihres erwachsenen Sohnes. Und als der schrille Bottervagel schon bald mit der Filmmanagerin (Tina Kliemann) weiterzieht, hat auch Tim seine Lektion gelernt. Er muss seine Unabhängigkeit nicht unbedingt mit der eigenen Wohnung sichern. Die Ukulele, mit der sich der junge Mann als Musiker Geld verdienen möchte, findet überall einen Platz.

Schon Leonard Gershe, der Autor des Original-Stücks „Butterflies are free“, ließ 1969 den weiteren Gang der Geschichte offen. Sicher ist nur: Die Beteiligten sind reifer geworden. Anders ausgedrückt: Sie stellen sich dem wahren Leben. Mit langem Applaus dankten die Zuschauer dem Ensemble für das text-intensive Vier-Personen-Stück. Regisseur Jörg Diekneite hat übrigens auch die Sex-Szene zwischen Tim und Silvie geschickt inszeniert. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.  
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„Bottervagels sünd free“ läuft im Mai bei der Niederdeutschen Bühne am Wilhelmplatz: donnerstags und freitags je um 20 Uhr, sonnabends und sonntags jeweils um 18 Uhr (keine Aufführungen am 14. und 28. Mai).

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