Nordfriedhof : Die Toten im Gemeinschaftsgrab erhalten jetzt Namen und Gesicht

Anonymes Gemeinschaftsgrab für 209 Russen: Lars Hellwinkel (l.) und Jürgen Rönnau haben jetzt die ersten Gesichter ums Leben gekommener Kriegsgefangener neben die Stele gestellt.
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Anonymes Gemeinschaftsgrab für 209 Russen: Lars Hellwinkel (l.) und Jürgen Rönnau haben jetzt die ersten Gesichter ums Leben gekommener Kriegsgefangener neben die Stele gestellt.

Überraschende Archiv-Funde im niedersächsischen Sandbostel erlauben die Identifizierung russischer Kriegsgefangener in Kiel. 98 von ihnen waren im April 1944 bei Luftangriffen umgekommen, weil ihnen der Zutritt in den rettenden Bunker verboten war.

shz.de von
25. Januar 2019, 18:46 Uhr



Eine weiße Stele mit russischer Inschrift auf dem Kieler Nordfriedhof zeigt an: Hier wurden die Gebeine von 209 russischen Männern, Frauen und Kindern anonym bestattet. 98 von ihnen kamen bei einem Luftangriff im April 1944 ums Leben. Viel mehr als die Todesumstände war aber bisher nicht bekannt. Überraschende Archivfunde in Niedersachsen bringen jetzt Licht in den dunklen Fleck der Historie.

„Wir können den anonym begrabenen Menschen jetzt Namen und sogar Gesichter geben“, erklärt Lars Hellwinkel von der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Bei Bremervörde stand einst das Stammlager (Stalag) X B, norddeutsche Zentralstelle für Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg. Bis zu 30 000 Menschen waren in Sandbostel untergebracht, sie wurden zu Arbeitseinsätzen nach Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein abkommandiert.

So bekam die 1. Marine Bau-Bereitschaft in Achterwehr 31 Russen zugewiesen, wie Hellwinkel erklärt. Ihm fiel jüngst ein Dokument in die Hände, das vom 28. August 1944 datiert und die „Abgänge“ akribisch auflistet. Denn die besagten 31 Männer gehörten zu insgesamt 98 Russen, die einen Monat zuvor bei einem alliierten Luftangriff in Kiel-Dietrichsdorf ihr Leben verloren. Sie waren in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli den Bomben schutzlos ausgeliefert, weil sie als „Untermenschen“ nicht in den rettenden Bunker fliehen durften.

Im Dokument aus Achterwehr sind die Erkennungsnummern eingetragen, die Hellwinkel mit dem Lager-Verzeichnis in Sandbostel abgeglichen hat. Und auf diesen Stammkarten sind fein säuberlich nicht nur Name, Geburtstag und Heimatstadt der Insassen eingetragen. Auch der Tag der Gefangennahme ist vermerkt, ebenso der Zivilberuf der jungen russischen Soldaten.

Vom Landarbeiter Grigorij Waisser etwa weiß man jetzt, dass er aus Nowosibirsk stammt und in Kursk im August 1941 in Gefangenschaft geriet. Er wurde keine 24 Jahre alt. Aus Woronesch stammt der Jungbauer Andrej Rybalitschenko. Er war nicht einmal 20 Jahre alt, als er der Hitler-Armee in die Hände fiel. Fedor Grinjow, 1920 in Archangelsk geboren, kam mit dem gleichen Transport nach Deutschland wie Grigorij und Andrej. Das belegen die Schiefertafeln mit den Personalnummern, die sich jeder Kriegsgefangene nach der Einlieferung in Sandbostel beim Fotografen vor die Brust halten musste.

Jens Rönnau vom Flandernbunker erinnert daran, dass die Russen (und auch andere Gefangene) bei den schweren Arbeiten förmlich verschlissen wurden: in Flensburg, in Kiel-Dietrichsdorf, in Schleswig auf dem Hesterberg, in Raisdorf. Auch der Kieler U-Boot-Bunker Kilian entstand mit ihrer Hilfe.

Immerhin: Dank damaliger Lager-Akribie und heutiger Forschung erhalten die anonym bestatteten NS-Opfer 75 Jahre nach ihrem Tod wieder eine Biographie, eine Persönlichkeit, ein menschliches Gesicht. „Es gibt noch viel zu erforschen“, erklärt Lars Hellwinkel. So ist zum Beispiel überhaupt nicht geklärt, ob in Russland möglicherweise noch Angehörige der verschleppten Soldaten leben. Und auch das Schicksal der Kinder, die ebenfalls im Gemeinschaftsgrab auf dem Nordfriedhof liegen, ist den Historikern noch rätselhaft.

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