„Kalenner Deerns“ : Die Nackedeis der Plattdeutschen

Für die neue Couch lassen sie ihre Bademäntel fallen: (vorne von links) Heike Börgert, Karen Ehlers, Britta Kabus; (hinten von links) Sabine Alipour, Silke Ehrich und Susanne Wieger.
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Für die neue Couch lassen sie ihre Bademäntel fallen: (vorne von links) Heike Börgert, Karen Ehlers, Britta Kabus; (hinten von links) Sabine Alipour, Silke Ehrich und Susanne Wieger.

Getreu dem realen Vorbild aus England ziehen die sechs Frauen bei „Kalenner Deerns“ blank. Die Premiere des freizügigen Theaterstücks der Niederdeutschen Bühne Kiel war ein voller Erfolg.

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05. November 2017, 17:08 Uhr

Hüllenloses Spektakel bei der Niederdeutschen Bühne Kiel: In „Kalenner Deerns“ zeigen sich sechs spielfreudige Damen von ihrer schönsten Seite. Elegant, überlegt, künstlerisch bringen sie ihre Nacktheit auf die Bühne, vor Voyeursblicken meist geschützt von Requisiten wie Sonnenblumen oder anderem Zierrat. Die Zuschauer belohnten ihren mutigen Auftritt mit minutenlangem Applaus.

Regisseur Jörg Diekneite hat viel Aufwand betrieben mit den Studioleuchten. Warmes und gedämpftes Licht setzt er ein für die Bühne, damit sich seine Mädels wohlfühlen. Harte Kontraste gilt es zu vermeiden in diesem typisch britischen Landhaus, wo die Teekanne ebenso zur Ausstattung gehört wie die rollende Globus-Bar mit der Flasche Gin. In den dunkelbraunen Regalen steht das Porträt von Queen Elizabeth neben dem Horn, das zur Fuchsjagd blasen könnte.

Drei Wochen lang hat das Ensemble „trocken“ geübt, bevor es in den vergangenen Tagen ernst wurde mit dem Ausziehen. „Wir tragen uns gegenseitig“, bekennt Heike Börgert. „Es wurde immer normaler“, erklärt Mitspielerin Karen Ehlers. „Es macht uns allen riesigen Spaß“, beschreiben auch Sabine Alipour, Silke Ehrich und Susanne Wieger die prächtige Stimmung – andernfalls wäre „Kalenner Deerns“ niemals entstanden.

Britta Kabus sitzt im Evakostüm im Sessel. „Bekleidet“ nur mit einem Akkordeon, stellt sie sich dem Fotografen auf der Bühne. Vorbild für die „Kalenner Deerns“ ist die wahre, später erfolgreich verfilmte Geschichte der englischen „Calendar Girls“. Der Club der älteren Ladys sprengt die Konventionen britischen Landlebens. Statt mit den traditionellen Blumen-, Obst- und Gemüsebildchen wollen sie ihren neuen Jahreskalender mit eigenen Aktmotiven aufpeppen. Sie versprechen sich Einnahmen für ein bequemes Sofa. Denn in der Klinik, wo einer ihrer Männer wegen Krebs behandelt wird, steht nur eine abgewetzte Couch mit defekten Sprungfedern. 600 Pfund wollen die unbekleideten Damen einwerben, am Ende aber weist das Spendenkonto der couragierten Frauen mehr als das Tausendfache auf.

Dieser Erfolgsgeschichte widmet sich die Niederdeutsche Bühne in den nächsten Wochen op Platt. Die Nervosität der sechs Kalender-Frauen (und ihrer vier Mitspieler) war groß vor der Premiere. Zumal auch Freunde, Ehemänner, Söhne und Väter im Publikum waren. Offenbar wussten nicht alle, welche offenherzige Darbietung ihnen bevorsteht. Doch schon während der Vorführung sparte das Publikum nicht mit Applaus.

Bei der Inszenierung vertrauten die blankziehenden Schauspielerinnen darauf, dass das Bühnenlicht genau im richtigen Moment erlischt. Bei der Premiere hat die Abstimmung exakt gepasst. Just in dem Moment, in dem die Frauen die schützenden Schilder vor ihren entblößten Brüsten in die Höhe stemmen, wird’s dunkel. Und der Zuschauer wird seiner Fantasie überlassen. Traumwelt statt Realität – das war schon immer die Grundlage für überzeugendes Theater. An diesem flotten, einfallsreichen Stück über Pin-up-Girls völlig anderer Prägung werden die Zuschauer der Niederdeutschen Bühne hoffentlich noch lange ihre Freude haben.

> Das plattdeutsche Theaterstück „Kalenner Deerns“ läuft an den folgenden beiden Wochenenden zumeist von Donnerstag bis Sonntag sowie vom 5. bis zum 7. Januar 2018. Karten von 12 bis 16 Euro (ermäßigt: 8 bis 12 Euro) gibt es im Vorverkauf an der Kieler Theaterkasse Tel. 0431/90 19 01.

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