Heinrich Böll : Die Moralwelt des Spaßmachers

Melancholischer Clown: Ivan Dentler (links) spielt unter der Regie von Christian Lugerth das berühmte Heinrich-Böll-Stück.
Melancholischer Clown: Ivan Dentler (links) spielt unter der Regie von Christian Lugerth das berühmte Heinrich-Böll-Stück.

„Ansichten eines Clowns“ ist – wohl auch wegen der Verfilmung mit Helmut Griem und Hanna Schygulla – eines der bekanntesten Werke von Heinrich Böll. Der Schriftsteller und Nobelpreisträger würde 2017 seinen 100. Geburtstag feiern – ihm zu Ehren zeigen die Kieler Komödianten jetzt eine eigene Fassung des „Clowns“.

shz.de von
31. Januar 2017, 19:11 Uhr

Er schrieb berühmte Romane, er wurde in West wie Ost gleichermaßen geachtet. Unvergessen sein Einsatz für den in der UdSSR verfemten Alexander Solschenizyn. Zwei Jahre nach seinem Schriftstellerkollegen erhielt er selbst 1972 als erster deutscher Schriftsteller nach dem Kriege den Literaturnobelpreis. Ihm zu Ehren spielen die Komödianten in Kiel sein wohl bekanntestes Stück, die „Ansichten eines Clowns“. Denn Heinrich Böll (1917 bis 1985) würde in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern.

Premiere für das Ein-Personen-Stück mit Ivan Dentler als Hans Schnier ist am 9. Februar – und damit ist den Komödianten ein kleiner Coup gelungen. Sie sind bundesweit das erste Theater, das im Jubiläumsjahr ein Böll-Stück auf die Bühne bringt. Selbst Köln, die Heimatstadt des Schriftstellers, folgt erst zwei Tage später. Das lässt sich auf der Internetseite boell100.com ersehen, die sämtliche Böll-Termine weltweit auflistet.

„Ansichten eines Clowns“ wurde 1963 veröffentlicht. In der Verfilmung ein gutes Jahrzehnt spielten Helmut Griem (als Hans Schnier) und Hanna Schygulla (als Marie) die Hauptrollen. Regisseur Christian Lugerth und Hauptdarsteller Ivan Dentler haben ihre eigene Fassung erarbeitet – Böll-Sohn René hat sie autorisiert. Die Komödianten verzichten weitgehend auf den weiblichen Part, er wird in Einspielungen und Liedern den Monolog des Clowns ergänzen.

„Heinrich Böll war ein kompromissloser Moralist“, betont Lugerth. „Ansichten eines Clowns“ ist für ihn einer der ersten Aussteiger-Romane der deutschen Literaturgeschichte überhaupt. Hans Schnier bricht mit sämtlichen Konventionen seiner gutbürgerlichen Familie und feiert als professioneller Clown, etwa in der Charlie-Chaplin-Rolle, erste Erfolge. Doch als Marie, im katholischen Glauben stark verwurzelt, sich von ihm abwendet, verliert Hans Schnier den Halt. Einsam sitzt er auf der Treppe des Kölner Hauptbahnhof und blickt er zurück auf sein Leben – während um ihn herum der Karneval tobt.

Für „Ansichten eines Clowns“ sind die Komödianten eine Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung eingegangen. Der Premiere am Donnerstag, 9. Februar, folgen nahezu zwei Dutzend weitere Vorstellungen bis Ende März (jeweils um 20 Uhr). Karten zum Preis von 20 Euro (ermäßigt: 11 Euro) gibt es ab sofort unter Tel. 0431  / 55  34  01, bei der Konzertkasse Streiber und auch online (www. komoedianten.com). Petra Bolek weist auch darauf hin, dass besondere Veranstaltungen etwa für Schulklassen buchbar sind.  

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Heinrich Böll, geboren am 21. Dezember 1917 in Köln, gestorben am 16. Juli 1985 in Langenbroich, gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit. In seinen Romanen, Kurzgeschichten, Hörspielen und Essays setzte er sich kritisch mit der jungen Bundesrepublik auseinander. Wichtige Romane sind „Wo warst du, Adam?“ (1951), „Und sagte kein einziges Wort“ (1953), „Billard um halb zehn“ (1959), „Ansichten eines Clowns“ (1963) und „Ende einer Dienstfahrt“ (1966). Seit 1954 verbrachte der Autor seine Sommerferien gerne auf Achill Island, sein „Irisches Tagebuch“ wurde später Band 1 der DTV-Taschenbuchreihe. In „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ thematisierte Böll den Umgang mit dem RAF-Terror. Kritikern galt er seit dem als „geistiger Sympathisant“ des Terrorismus. Ende der 70er- Jahre unterstützte er Rupert Neudeck in dessen Engagement für die vietnamesischen „Boat People“, aus dieser Initiative ging später die Hilfsorganisation Cap Anamur hervor.

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