Geschichte am RBZ : Die Mär um Familie Himmler

Prominente Familiengeschichte: Auf Wunsch signierte Katrin Himmler den RBZ-Schülern ihr Buch über „Die Brüder Himmler“.  Carstens
Prominente Familiengeschichte: Auf Wunsch signierte Katrin Himmler den RBZ-Schülern ihr Buch über „Die Brüder Himmler“. Carstens

Die Autorin Katrin Himmler diskutierte mit RBZ-Schülern über ihren Großonkel Heinrich Himmler und die NS-geprägte Verwandtschaft. Ihre Familienforschung mündete in das Buch „Die Brüder Himmler“.

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18. März 2019, 17:51 Uhr



Wer war Heinrich Himmler? Mit dieser Frage beschäftigten sich gestern die Schüler am Regionalen Bildungszentrum (RBZ) am Westring. Die Antwort fiel ganz anders aus, als sie im Geschichtsbuch steht. Denn mit Katrin Himmler war am RBZ die Großnichte des einstigen Reichsführers SS und Holocaust-Cheforganisators zu Gast. Sie hatte in einem Buch die eigene Familiengeschichte erforscht. Vor 300 Schülern in der RBZ-Aula gestand die Autorin ein: Es war ein schmerzhafter Prozess.

Denn je tiefer sie in die historische Materie eintauchte, desto verzweifelter wurde ihre Suche nach einem Familienmitglied, das nicht zu den begeisterten Nazis gehörte. „Heinrich war keinesfalls das schwarze Schaf der Familie“ (als das ihn viele sehen wollten), stellte Katrin Himmler (51) fest. Es war vielmehr in der dunklen Herde kaum ein weißes Tier auszumachen.

Denn auch der ältere Bruder Gebhard und der jüngere Bruder Ernst – der Großvater Katrin Himmlers – waren bei genauem Hinsehen keinesfalls die unpolitischen Techniker und Ingenieure. Als Karrieristen waren sie früh der NSDAP beigetreten, in Briefen an Heinrich übernahmen sie Spitzeldienste und und Denunzierungen. Es gab für Katrin Himmler nicht die Haupttäter und die Millionen von Unwissenden – ohne die Mitwirkung der vielen privilegierten Technokraten wäre der NS-Staat gar nicht möglich gewesen.

Katrin Himmlers Appell an die jungen Zuhörer (und Fragesteller): „Zivilcourage ist erlernbar.“ Duckmäusertum und Obrigkeitsdenken, kaiserlich-autoritäre Erziehung und starke Demokratiefeindlichkeit im preußisch geprägten Elternhaus hätten aus Heinrich Himmler jenen Menschen geformt, der verantwortlich gemacht wird für die millionenfachen Greueltaten in den Konzentations- und Vernichtungslagern.

„Das Böse vererbt sich nicht über das Blut“, erklärte die Autorin. Sie fügte hinzu: „Wenn wir das denken würden, hätten die Nazis mit ihrer Rassenlehre gewonnen.“ Für Katrin Himmler tragen die Nachfahren der NS-Täter und ihrer ungezählten Mitläufer „keine persönliche Schuld, aber sie haben Verantwortung“. Den verlockenden Heilsversprechen selbsternannter Führer dürften sie nicht folgen, die Ausgrenzung von Minderheiten dürften sie nicht mitmachen.

Die Schüler wollten von der Autorin wissen, warum sie ihren Nachnamen nicht abgelegt hat. Antwort: „Er ist nicht angenehm zu tragen, aber ich wäre ja sowieso verwandt“. Katrin Himmler erzählte ihren Zuhörern auch, dass der Vater ihres Sohnes aus einer jüdischen Familie mit polnischen Wurzeln entstammt. Ihr Schwiegervater überlebte mit viel Glück als kleiner Junge im Versteck in Warschau die NS-Herrschaft – für die eben maßgeblich Heinrich Himmler verantwortlich war.

Insbesondere viele Schülerinnen zeigten sich stark berührt von Katrin Himmlers ungewöhnlicher Familiengeschichte. Sie kauften für einen Zehner das Taschenbuch „Die Brüder Himmler“ und ließen es sich nach der Lesung von der Autorin signieren. Die Geschichtsstunde am RBZ findet ihre Fortsetzung – in den privaten Lese-Ecken zu Hause.

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