zur Navigation springen

Die Macht der Schöffen im Ehrenamt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

300 Schöffen gibt es im Kieler Landgerichtsbezirk

shz.de von
erstellt am 31.Jan.2014 | 05:10 Uhr

Christian Schlömer aus Brodersby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ist dreifacher Familienvater und selbstständiger Tischler – und er hat Menschen schon wegen Kapitaldelikten verurteilt. Der 52-jährige Bürgermeister seiner kleinen Gemeinde ist ehrenamtlicher Schöffe am Kieler Landgericht. Es ist nicht seine erste Wahlperiode im Amt als Richter ehrenhalber. Er macht das fast 20 Jahre.

In zig Prozessen hat er neben den Berufsrichtern verhandelt, Angeklagte, Zeugen und Opfer gehört, alle Beweismittel abgewogen und ein Urteil gebildet. Die erste Zeit in Flensburg beim Schwurgericht war seine prägendste, wie er selbst sagt. Mord, Totschlag, Missbrauch – alles, was menschliche Abgründe hergeben, wurde verhandelt. „Einmal mussten wir unterbrechen, weil uns allen die Tränen in den Augen standen“, erzählt Schlömer. Er, gerade junger Familienvater, sowie die Berufsrichter und der zweite Schöffe waren zutiefst berührt, als sie die Aussage des Kindes hörten, dass missbraucht worden war. „Es war sehr ergreifend“, erinnert er sich zurück. Sein bisher längster Prozess dauerte 27 Verhandlungstage – über ein Jahr verteilt. Es ging um Mord.

Dass das Schöffenamt nicht für jeden Menschen geeignet ist, zeigt eine Erfahrung die Schlömer mit einer Schöffin in einem anderen Mordprozess gemacht hat. Da Schöffen keine Akteneinsicht haben, wie die Berufsrichter, gewinnen sie ihre Erkenntnisse nur aus den Zeugenaussagen und allen Beweismitteln, die im Laufe der Verhandlung eingeführt werden. Dazu gehören auch Bilder von Tatorten, verletzten und toten Personen. Als ein Sachverständiger anhand eines Bildes erklärt hat, ob die Waffe direkt aufgehalten oder von weiter weg abgefeuert wurde, legte sie ihr Schöffenamt nieder. „Das war zuviel.“

Ihm selbst gelinge es gut, die Sachen nicht mit nach Hause zu nehmen. „Wir dürfen über die Fälle ja nicht reden aber das ist kein Problem.“ Was für ihn erschreckende Erkenntnis aus den ersten Schöffenjahren ist: „Man denkt immer, man lebt in einem kleinen, behüteten Landstrich und die schlimmen Gewalttaten passieren nur in Berlin oder Hamburg. Aber da wurde ich eines besseren belehrt.“ Die freie Zeit opfert er gern für dieses Ehrenamt. „Mir würde etwas fehlen, würde ich es nicht machen.“ Gleichwohl ist sich Christian Schlömer seiner Verantwortung bewusst: Seine Stimme als Schöffe zählt genauso wie die eines Berufrichters. In einem Strafverfahren mit zwei Schöffen und einem Berufsrichter können die Laienrichter den entscheidenden Ausschlag geben, den Berufsrichter überstimmen. Schlömer hat das schon zweimal erlebt.

Auch gestern bei der Schöffenschulung im Landgericht Kiel wurde die „Macht der Schöffen“ und ihre Verantwortung betont. Mit einem falschen Wort in einer Frage können sie den ganzen Prozess zum platzen bringen – wegen Befangenheit. Sich objektiv ein Urteil zu bilden, sahen viele der insgesamt 70 anwesenden Schöffen als die größte Herausforderung, die auf sie im Gerichtssaal wartet – egal ob sie Hausfrau, Angestellte, Versicherungsvertreter oder Schulleiter sind. „Die Schöffen sollen den Querschnitt der Gesellschaft abbilden“, sagt Rebekka Kleine, Richterin am Landgericht.

Christian Schlömer kam gestern extra zur Weiterbildung, um auch die JVA in Kiel einmal von innen zu sehen. Dann kennt er alle Gefängnisse im Land. Einer der ersten Vorsitzenden Richter habe ihm gesagt, man müsse wissen, was lebenslange Haft heißt und wo die Angeklagten die Zeit verbringen. Das hat sich Christian Schlömer zu Herzen genommen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert