Kraftwerk Kiel-Ost : Die letzte Kohle ist verbrannt

Abschaltung per Knopfdruck: Alt-Elektromeister Gerd Schmidt (links) und Mitarbeiter Frank Heinert fahren das Gemeinschaftskraftwerk, das seit 1970 am Netz war, wieder herunter.  Fotos: Beckwermert
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Abschaltung per Knopfdruck: Alt-Elektromeister Gerd Schmidt (links) und Mitarbeiter Frank Heinert fahren das Gemeinschaftskraftwerk, das seit 1970 am Netz war, wieder herunter. Fotos: Beckwermert

Das Ende einer Ära: Nach fast 50 Jahren wurde das Gemeinschaftskraftwerk auf dem Kieler Ostufer stillgelegt. Beim Umlegen des Schalters war Elektromeister Gerd Schmidt dabei. Der heute 84-Jährige hatte 1970 bei der Einweihung die Stromleitung freigegeben.

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01. April 2019, 09:46 Uhr



Bis die Turbinen richtig stillstehen, drehen sie noch die letzten langsamen Runden. Es ist ein geregeltes Auslaufen, ein letztes Mal. Ein Abkühlen von 540 Grad im Innern auf Null. Nach 48 Jahren, 8 Monaten und einem Tag Strom- und Heizwärmeerzeugung. Am Mittwoch oder Donnerstag, sagen die Experten, ist das Kraftwerk kaltgestellt. Endgültig. Das Aus für die Kohlekraft in Kiel – und das Aus für 40 von zuletzt 80 Arbeitsplätzen im Gemeinschaftskraftwerk auf dem Ostufer.

Seit 2013 beschlossen, einige Male verschoben, seit Sonntagmittag Realität: Um 12.35 Uhr drückte eine ganz besondere Person in der Warte, dem „Gehirn“ des Kraftwerks, auf den kleinen Knopf, der das Ende einer technischen Ära in Kiel einläutete. Gerd Schmidt, heute 84 Jahre alt, Elektromeister im Ruhestand. „Ich war quasi die Hebamme des Kraftwerks“, hatte Schmidt vorher lachend erzählt.

Er hatte dem Kohlekraftwerk am 11. September 1970, punkt 13.59 Uhr, das Leben eingehaucht, den ersten Strom über den Generator ins Netz geschickt. Nun hat er ihm den Todesstoß versetzt, wieder über den Generatorschalter. Nüchterne Feststellung: „Kraftwerk endgültig vom Netz!“. Traurig? „Eigentlich nicht. Es war ja lange genug am Netz.“ Vielleicht ist es der zeitliche Abstand, der große Gefühle bei dem Rentner gar nicht erst aufkommen ließ.

Unter den Mitarbeitern hat sich die Stimmung in den letzten Monaten schon verschlechtert, sagt Betriebsleiter Axel Böhme. Und auch beim Besuch des Kraftwerks ist Sarkasmus spürbar. Als am vergangenen Freitag für 40 Mitarbeiter der letzte Arbeitstag zu Ende geht, grillen sie nachmittags, trinken ein Bierchen. Ein Fest mit bitterem Beigeschmack. „Trauerfeier“ nennt es einer. Und der Kuchen, den die letzte Schicht am Sonntag auftischt, schmeckt für den Technischen Geschäftsführer Hans-Dieter Nehrhoff nach „Beerdigungskuchen“. Halb scherzend, halb ernst sagt er das, er kann die Welt auch schnell wieder aus dem Blickwinkel des nüchternen Technikers betrachten.

Zum benachbarten neuen Gasmotorenkraftwerk, das voraussichtlich im September den Betrieb aufnehmen soll, will er nichts sagen. Aber zum Kohlekraftwerk, dessen Stilllegung er jetzt abwickeln muss, mag er sehr wohl etwas feststellen: „Hier wird eine bewährte Anlage abgeschaltet, die voll funktionsfähig ist. Bis zur letzten Minute lief sie wie ein Uhrwerk.“ Alle gesetzlichen Auflagen seien erfüllt worden, auch bei den Emissionen. Wie zum Beweis für die hohe Zuverlässigkeit hat Nehrhoff eine Schwindel erregende Bilanz aufgestellt: 69 Milliarden Kilowattstunden Strom hat das Kraftwerk erzeugt. 26 Millionen Tonnen Kohle wurden in Strom für Europa und Fernwärme für Kieler Stadtwerke-Kunden umgewandelt. Nehrhoff: „Das ist eine Wahnsinnsenergie.“

Nach außen sichtbares Symbol der internen Wehmut: Die GKK-Flagge weht auf Halbmast. Das Kohle-Förderband rattert nicht mehr. Die verbliebenen 40 Mitarbeiter übernehmen die letzten Aufgaben. Alles muss raus, was schädlich für Mensch, Tier und Umwelt ist. Säuren, Laugen, chemische Stoffe. Und davon gibt es unzählige Tonnen. Noch vier Wochen lang wird im Schicht-System gearbeitet. Ab Mai ist das sogenannte Stilllegungs-Team aus 20 Mann dran. Bis Jahresende wird es auf zwei Mitarbeiter reduziert, die ab 2020 dann auch den Rückbau begleiten. Etwa zwei Jahre später könnte der Seehafen Kiel über das Gelände verfügen, beschreibt Nehrhoff aktuelle Pläne: „Interesse ist angemeldet. Noch ist aber kein Kaufvertrag unterschrieben.“

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