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Kiel

16. Dezember 2017 | 12:51 Uhr

Die Kämpfe der Kinder

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sprachbarrieren und Geldnot erschweren Alltag der Zuwanderer / Kinder traumatisiert / Starterklassen geplant

shz.de von
erstellt am 07.Feb.2014 | 05:53 Uhr

Sie lebten auf Müllkippen oder wuchsen als Straßenkinder auf – die Kinder aus Rumänien und Bulgarien. Der tägliche Kampf ums Überleben sorgte bei vielen für Traumata. Eine Schule haben diese Kinder oftmals noch nie von innen gesehen – und hier in Deutschland packt sie die Schulpflicht.

Aus Angst vor Entführungen schicken die Zuwanderer-Eltern ihre Kinder nicht gern zur Schule – ein langlebiges Vorurteil, das weder die Kieler Schulrätin Barbara Weber noch Anja Seelig von der offenen Kinder- und Jugendarbeit bei der Awo bestätigen können. „Seit vergangenem Frühjahr bemerken wir deutlich mehr Schulanmeldungen von Kindern aus Rumänien und Bulgarien“, sagt Weber. Es spreche sich unter den Familien herum, dass die Schule hier zum Alltag gehöre. Doch klar ist auch, „wir kennen längst noch nicht alle Kinder, aber einen Großteil“. Mit Integrations- und Elternlotsen wird versucht, gegenseitiges Verständnis für die jeweils fremde Kultur zu vermitteln. Denn im Alltag seien es oft genau die Missverständnisse, die schnell wieder Gräben schaffen, wo Annährung versucht wird. Barbara Weber schildert eine Situation, wie sie oft in Kieler Schulen erlebt wird: Ist die Sprachproblematik zu groß, haben die Kinder in ihrer Heimat gelernt, Konflikte körperlich zu lösen und sich so ihre Rechte zu nehmen. „Das sind hier aber komplett andere Spielregeln, an die wir sie heranführen müssen. Wichtig ist das Verständnis, weshalb sie so sind. Sie mussten bisher oft ganz andere Kämpfe führen, als zur Schule zu gehen“, so Weber.

In so genannten DaZ-Zentren (Deutsch als Zweitsprache) werden die Kinder in kleinen Klassen ein Jahr in deutscher Sprache unterrichtet, 25 Stunden die Woche, in Kombination mit Schulsozialarbeit. Gerade die Kombination ist wichtig, weiß auch die stellvertretende Schulleiterin der Hans-Christian-Andersen Schule, Barbara Vahldiek, zu berichten. Denn auch an ihrer Schule beobachtet sie eine Zunahme an traumatisierten Kindern aus den Ländern. Auch ein Problem sei der Absentismus, besonders verbreitet bei Kindern mit rumänischem oder bulgarischem Migrationshintergrund. Sie kämen mal zwei Tage, dann zwei nicht oder drei Tage und dann 14 nicht – entsprechend ist der Lernerfolg. „Manchmal fehlen die Kinder auch länger und wir kriegen erst mit, wenn sie wieder hier sind, dass sie zu einer Operation in Bulgarien waren, weil sie sich das hier nicht leisten können“, sagt Vahldiek. Doch das sei nicht bei allen so. Es gebe Ausnahmen, lernbereite, aufgeschlossene Kinder, „die vermutlich besser in der Schule wären, wenn die Rahmenbedingungen zu Hause stimmen würden“. Allzuoft ist das nicht der Fall.

Seit einem Jahr steigen die Schulanmeldungen von rumänischen und bulgarischen Kindern, sagt Vahldiek – und mit ihnen auch die Probleme: Es fehlt an Geld für alles – auch das Nötigste, das ein Schulkind braucht: Sportsachen, Turnschuhe, eine Federmappe, Stifte oder Kleber – vom Geld fürs Mittagessen einmal ganz abgesehen. Doch irgendwie klappt auch das an der Hans-Christian-Andersen-Schule durch Spenden und Ehrenamtler. Wer hier kein Mittag isst, hat nachmittags in der Awo in der Alten Räucherei die Chance auf ein warmes Essen. Etwa 35 dieser Kinder essen hier täglich, sagt Anja Seelig, zuständig für die offene Kinder- und Jugendarbeit. Seit drei Jahren beobachtet sie eine Zunahme der rumänischen und bulgarischen Kinder, etwa 75 nutzen derzeit die Angebote von Tanz, Musik bis Theater und für Ausflüge; oder kommen einfach so in den offenen Treff, der für Sechs- bis Siebzehnjährige ist. Die Zahl der Kinder bis zwölf Jahre ist laut Seelig am größten. Sprachbarrieren gebe es hier nicht, dafür sorgen türkisch sprechende Mitarbeiter sowie die Kinder, die schon länger da sind und „eigentlich relativ schnell lernen, sodass es für eine Kommunikation reicht“. Mit den Jugendlichen sei das schwieriger, erst recht mit den Eltern.

Auch die Schule hat mit Sprachproblemen zu kämpfen oder damit, dass die Eltern oftmals nicht erreichbar sind oder nicht zurückrufen, sagt Vahldiek. Gibt es Probleme, muss immer ein Dolmetscher oder Elternlotse eingeladen werden, eine direkte Eltern-Lehrer-Kommunikation fällt da schwer. Auch wenn Lehrer die Eltern aufsuchen wollen, um beispielsweise nachzufragen, weshalb das Kind nicht in der Schule ist, sei das oft unmöglich. Mehr als 120 Bulgaren und Rumänen wohnen dicht an dicht im Kirchenweg, mehrere Familien teilen sich oft eine Wohnung (wir berichteten). Klingelschilder gibt es nicht. „Das sind keine Zustände“, sagt Anja Seelig. Skrupellose Vermieter machen ein Geschäft mit den Zuwanderern, kommen ihren Verpflichtungen für Hygienie zu sorgen aber nicht nach. Die Folge für die Schule: Teure Schädlingsbekämpfungsaktionen, wenn die Kinder beispielsweise Kakerlaken mitbringen.

Um die Situation der Zuwanderer wenigstens etwas zu verbessern, stellen Awo-Mitarbeiter den Rumänen und Bulgaren eine Bescheinigung aus, mit der sie bei der Tafel und dem Sozialkaufhaus einkaufen gehen können. Außerdem feiert die Awo seit 2011 zweimal im Jahr ein so genanntes Willkommensfest, früher hieß es „Bekleidungsparty“, in Zusammenarbeit mit Obulus und dem ASD. Migranten können hier Kleidung durchstöbern und es wird Live-Musik gespielt. „Da hat ein deutlicher Wandel stattgefunden, früher war es so. Heute sind die kulturellen Aspekte und gemütliches und unbeschwerstes Beisammensein im Vordergrund und viel wichtiger“, betont Seelig.

Doch wie führt man traumatisierte Kinder in einem fremden Land an die Schule heran? Schulrätin Weber: „Wir starten ab 1. August ein Projekt mit zwei so genannten ‚Starterklassen‘.“ Hier sollen Kinder ohne Bildungserfahrung langsam herangeführt werden. Wie das funktionieren kann, hat sich Weber in Dortmund angeschaut und die Konzepte angefordert. „Wie genau alles realisiert werden kann, da sind wir derzeit in Verhandlungen mit der Stadt, weil es auch intensiv um Schulsozialarbeit, Essen und Krankenversorgung geht“, sagt Weber. Der Fokus könne nicht nur auf Deutsch lernen liegen, wenn es null Bildungserfahrung und -hintergrund im Elternhaus gebe. „Es ist eine komplexe Familiensituation, die sich hinter jedem Kind verbirgt. Wir wollen die Menschen einbinden“, betont Weber. Und das ist eine schwere Aufgabe: „Wir müssen den Eltern klarmachen, welche Bildungschancen sich hier für ihre Kinder ergeben und gegen die Vorurteile, die sie sowieso gegen deutsche Behörden haben, arbeiten.“ Deshalb sei es auch der falsche Weg, bei Schulschwänzern mit bulgarischen oder rumänischen Wurzeln mit der Bußgeldkeule zu kommen. Barbara Weber: „Damit verlieren wir die Eltern und mit jedem Elternteil auch die Kinder.“


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