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Theater : Die heile Welt in Stücke reißen

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er, sie und ein unangenehmer Gast: Es sind nur drei Beteiligte – und doch präsentiert die Niederdeutsche Bühne Kiel mit „Halsbreken Grappen“ eine rasante Enthüllungsgeschichte.

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erstellt am 18.Jan.2016 | 11:24 Uhr

Große zimmerhohe Fenster. Aussicht auf den grünen Garten. Innen eine bequeme Sitzlandschaft im unschuldigen Weiß. An der Seite eine Vitrine mit Getränken: Cola, Rum, Martini, Cognac – kleine Seelentröster für Silvia Dreesen (Corinna Witt), die auf Ehemann Martin (Jörn Arens) wartet. Doch dann klopft Jan (Rüdiger Petersen) an die Terrassentür. Er wird die scheinbar so heile Welt der Dreesens in Stücke reißen.

Dass Jan ein düsteres Geheimnis mit sich trägt, ahnt der Zuschauer der Niederdeutschen Bühne Kiel schnell. Schneller jedenfalls als Silvia. Jan, ein Bekannter aus dem Wochenend-Urlaub, benimmt sich verdächtig. Und abwimmeln lässt er sich sowieso nicht. Als Martin nach Hause kommt, begegnet er dem merkwürdigen Gast, den er als weinerlichen Bittsteller verortet, zunächst mit Herablassung. Doch einige Andeutungen seitens Jan lassen ihn zusammenzucken: Jans Frau Johanna ist bei einem Auto-Unfall ums Leben gekommen.

Der Besucher sieht an Martins Gestik, dass er mehr weiß über die Karambolage, als er vorgeben mag. Das Wort-Duell steigert sich, die Lautstärke steigt, es kommt zu Handgreiflichkeiten, es fällt ein Schuss – Ende der ersten Hälfte.

Die Fährten sind gelegt: ein heimliches Verhältnis, Ehebruch, Enttarnung, Rachegefühle. Gefährliche Gedanken, die langsam reifen und ausgesprochen werden. „Halsbreken Grappen“ nennt das der Plattdeutsche, Graupen im Kopf, derentwegen man sich das Genick brechen kann.

Die drei Darsteller spielen ihre Rollen überzeugend, wenn sie von einem Gemütszustand in den anderen verfallen: Arroganz und spätere Zerknirschung wie bei Martin, depressive Anwandlung und kalkulierte Aggression wie bei Jan, Überraschung und wohlmeinendes Vermitteln wie bei Silvia. Es gibt im Gartenhaus fortwährend neue Erkenntnisse und Geständnisse. Was immer sich der Zuschauer sich bei Bier, Wein und Brezel in der Pause zurechtspekuliert haben mag – die raffinierte Enthüllungsgeschichte übertrifft seine Erwartungen.

Der britische Autor Norman J. Crisp hat sein Stück „Dangerous Obessions“ 1987 geschrieben, wohl als Anklage gegen die biedere selbstzufriedene englische Gesellschaft. „Ein Sommerabend im Gartenhaus“ gibt in der deutschen Übersetzung das Geheimnisvoll-Gefährliche nicht annähernd wieder, erst mit der plattdeutschen Inszenierung „Halsbreken Grappen“ rückt man wieder näher an das Original heran.

Auf niederdeutschen Bühnen wird das Stück häufig gespielt, und die neue Kieler Aufführung unter der Regie von Jörg Diekneite kann sich sehen lassen. Wenngleich das überzeugende Schauspieler-Trio, wenn es etwa um die Frage der eigenen Familienplanung geht, wohl einen Tick zu bejahrt daherkommt. Aber die Spannung und die Rasanz wiegen diesen kleinen Schönheitsfehler mehr als auf. Das Ende ist überraschend: Es geht um mehr als um die verunglückte Autofahrerin.  

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„Halsbreken Grappen“ läuft im Theater am Wilhelmplatz bis Mitte Februar: freitags um 20 Uhr, sonnabends und sonntags jeweils um 18 Uhr, gelegentlich auch donnerstags (20 Uhr). Karten kosten10 bis 14 Euro, ermäßigt 7 bis 11 Euro. Der Vorverkauf läuft über die Kieler Theaterkasse, Tel. 0431 / 901 – 901.

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