zur Navigation springen

Aufklärung : Die Angst vor dem Sterben nehmen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heute starten an der Förde die ersten Kieler Hospiztage. Erklärte Absicht der Organisatoren ist es, den Tod nicht mehr als Tabuthema zu betrachten. Mit Vorträgen und Veranstaltungen, aber auch mit fröhlicher Blasmusik, wird Aufklärungsarbeit betrieben.

shz.de von
erstellt am 05.Okt.2017 | 17:58 Uhr

„Heute wird anonym gestorben“, sagt Fred Wätzig, Teamkoordinator im Propst-Kraft-Haus in Elmschenhagen. In seiner Einrichtung leben Menschen ab 60 Jahren, die geistig oder psychisch behindert sind und nicht mehr in ihrem bisherigen Umfeld leben können. „Früher wurden Tote aufgebahrt, die Familie hat sich richtig verabschiedet. Heute ist der Tod oft ein Tabuthema.“ Das soll sich ändern. Die Einrichtung beteiligt sich an den ersten Kieler Hospiz-Tagen rund um den Welthospiztag am kommenden 14. Oktober. Mit Vorträgen, mit Musik und Bastelaktionen in den Einrichtungen und in der Innenstadt will der Verein Hospiz-Initiative Kiel das Thema „Sterben“ in den Vordergrund rücken. Offizielle Eröffnung ist am Sonntag, 8. Oktober, um 11 Uhr im Musiculum. Die Big-Band „Bertha Blau“ aus Hamburg spielt, wie es heißt, Musik für Ohr und Herz“.

Mit besonderen Herausforderungen hat Fred Wätzig täglich zu kämpfen. Für seine angeschlagenen Patienten ist der Umgang mit dem Tod besonders schwierig. „Die meisten verstehen gar nicht, was genau Sterben und Schmerz bedeutet“, erklärt Wätzig. Seine Patienten könnten sich nicht mitteilen und nicht Bescheid geben, sofern sie irgendwelche Schmerzen haben. Folglich müssen sich die Mitarbeiter sehr viel Zeit nehmen und Einfühlungsvermögen zeigen. „Wir versuchen, unseren Bewohnern mit Symbolen zu erklären, was auf sie zukommt“, ergänzt der Koordinator. Leicht ist es nicht.

Auch die Mitarbeiter im Propst-Kraft-Haus hätten anfangs oft Berührungsängste und wüssten nicht, wie sie mit der speziellen Situation umgehen sollen. Hinzu kommt laut Wätzig, dass die meisten Kranken gar keine Kernfamilie haben. Viele sind allein und wurden ihr Leben lang benachteiligt behandelt. „Es gibt niemanden, auf den sie zurückgreifen können. Niemanden sonst, der sich um sie kümmern könnte.“

Kleine Momente sind es, die die Pfleger und Wätzig durch den Tag bringen. Wenn sie einem Patienten zum Beispiel noch einen letzten Wunsch erfüllen können. „Eine ältere Dame wünschte sich sehnlichst, noch einmal eine Zigarette zu rauchen“, erinnert sich Wätzig. „Das ist bei uns natürlich eigentlich verboten. Aber einen letzten Wunsch abschlagen?“ Die Dame starb kurz nach ihrer letzten Zigarette.

Der Tod belastet aber nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch die Angehörigen und Freunde. Viele Menschen seien verängstigt, wenn sie das erste Mal Kontakt mit der Hospiz-Initiative aufnehmen. „Wir bekommen täglich zu spüren, wie es Menschen geht, die vom Tod betroffen sind“, sagt Anne Münchmeier, eine der Mitorganisatorinnen. „Dabei ist es erschreckend, wie wenig sich viele Menschen unter einem Hospiz vorstellen können.“

Eigentlich nicht verwunderlich, denn mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigt sich kaum jemand freiwillig. Die Hospiz-Initiative Kiel möchte gerade deshalb mit den Hospiztagen dazu beitragen, dass bei den Besuchern ein gewisses Grundwissen aufgebaut wird. „Es wird zum Beispiel in der Innenstadt eine Tafel geben, auf der die Besucher aufschreiben können, was sie noch erleben möchten, bevor sie sterben“, sagt Anne Münchmeier. Ein Großteil des Programms wird sich am Hospiztag, Sonnabend, 14. Oktober, von 11 bis 15 Uhr auf der Dänischen Straße abspielen. Die verschiedenen lebenslustigen Angebote sollen auch zeigen, dass es in der Hospizarbeit nicht immer nur um Trauer und Tränen geht. Am Sonnabend sollen zudem Heliumluftballons von den Gästen losgelassen werden. Daran befestigt: Wünsche, die die Besucher in den Himmel schicken möchten.

> Das gesamte Programm der ersten Kieler Hospiztage gibt es als Flyer und unter www.hospiz-initiative-kiel.de/ hospiztage im Internet.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen