Unter Schock : Der Tag nach dem Großbrand

Ein Zaun sichert das Gelände, mit Kränen wird das Dach abgetragen.
1 von 2
Ein Zaun sichert das Gelände, mit Kränen wird das Dach abgetragen.

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Ursache und Schadenshöhe des Großbrandes an der Feldstraße in Kiel sind weiter unklar. Mieter berichten, wie sie die Feuer-Nacht erlebt und überstanden haben. Sind nach der Explosion zwei Personen weggerannt?

shz.de von
01. Juli 2015, 06:23 Uhr

Stück für Stück wird der Giebel abgetragen. Mit Hilfe von Kränen brechen Arbeiter die verkohlten Balken ab. Rund um das Mehrfamilienhaus in der teilweise gesperrten Feldstraße haben sie einen Zaun aufgebaut – das Haus, in dem es in der Nacht zu Montag nach einer Explosion so stark gebrannt hat, dass die Flammen aus dem Dach schlugen; dass 30 Mieter in einer dramatischen Aktion von der Feuerwehr gerettet werden mussten. Eine Frau kam mit Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus (wir berichteten).

Am Tag danach signalisiert ein orangerotes Siegel der Landespolizei: Die Brandstelle ist beschlagnahmt. Die Ursache: weiterhin unklar. Am Tag danach stehen Leif (33) und Nina (38) mit ihrem Labrador Luke vor dem Absperrgitter und fotografieren das Haus mit der rußgeschwärzten Front. Es war bis zum Montag ihr Zuhause.

Der Psychologe und die Archäologin lebten seit anderthalb Jahren in einer Drei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Beide versuchen noch, die Geschehnisse der Brand-Nacht zu realisieren. Zurzeit wohnen sie bei einer Freundin, zwei Straßen weiter, sie haben sich krank gemeldet. Alles mussten sie bei dem Feuer in der Wohnung zurücklassen – sie hatten keine Schuhe dabei, keine Schlüssel, „nur    das Telefon, einen Pulli und unsere beiden Hunde“, sagt Nina. Das Paar wirkt gefasst. „Zwischendurch geht es manchmal, doch die Bilder kommen immer wieder zurück“, erzählt sie: „Es lähmt einen richtig.“

Mitten in der Nacht wacht die 38-Jährige auf, aufgeschreckt von einem lauten Knall. „Ich habe Leif aufgeweckt und auf die Straße geguckt, dachte, ein Auto sei explodiert“, sagt Nina. Aber dann sieht sie die Flammen, die aus dem Erdgeschoss schlagen. Beide spüren die Hitze bereits an der Wohnungstür, Rauch quillt herein. „Wir haben schnell die Hunde gepackt, Fenster und Türen geschlossen und sind raus auf den Balkon“, berichtet Leif. Im Hinterhof warten auch die anderen Nachbarn auf die Feuerwehr. „Riesige Qualmwolken kamen zu uns hoch, man konnte nicht mehr atmen“, berichten beide. Über die Balustrade müssen sie auf den Nachbar-Balkon klettern, die verängstigten Hunde halb werfen. „Oben hat alles orange geleuchtet“, erzählt Nina und meint die Flammen, die aus dem Dach schlagen. Das Paar überlegt sogar, ob es auf einen in der Nähe stehenden Baum springen muss.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen die Feuerwehrleute den Hinterhof, hängen Steckleitern an die Balkone. „Vier Männer kamen zu uns, mit Sauerstoffmasken, haben uns Sauerstoff gegeben und uns beruhigt“, sagt Nina. Sie und ihr Partner loben die Feuerwehr: „Die waren toll.“ Erst retten sie Leif, dann Nina. Die Hunde – Luke und Findus – seilen sie ab. Nachbarn eilen herbei, verteilen Decken, Kleidung und Tee. Und schon ist die Freundin zur Stelle, bei der das Paar nun wohnt.

Leif und Nina wollen sich nicht in den Vordergrund stellen. Sie möchten kein Foto von sich in der Zeitung sehen und ihre Nachnamen nicht nennen. „Andere sind schlimmer betroffen als wir, wir haben immerhin eine Hausratversicherung“, sagt Leif. Natürlich bedauern beide den Verlust von Erinnerungsstücken, alten Möbeln, der Schallplattensammlung. Sie haben bereits eine neue Wohnung am Schreventeich gefunden. „Aber wenn es geht“, sagt Nina“, „dann ziehen wir hier wieder ein.“

Ob das möglich sein wird, ist unklar. Weiterhin schätzen die Behörden das Haus als einsturzgefährdet ein; nur in den beiden benachbarten, ebenfalls betroffenen Häusern durften nach Polizeiangaben Mieter ihre Wohnungen betreten. Gestern Vormittag untersuchte zudem ein Brandsachverständiger der Polizei das Haus. „Er sollte prüfen, ob von außen etwas in den Döner-Imbiss im Erdgeschoss hineingeworfen worden ist oder ob es möglicherweise einen technischen Defekt gab“, sagte Polizeisprecher Oliver Pohl.

Nach wie vor ist die Ursache für die schwere Explosion aber ungeklärt – die Experten nehmen heute weitere Untersuchungen vor. Eine Zeugin hat sich gemeldet. Sie will zwei Personen gesehen haben, die davongelaufen sein sollen, bestätigte Pohl gestern. „Es stehen aber Widersprüche im Raum.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen