9. November : Der Tag des Erinnerns

An der Schlossstraße  liegen jetzt wieder die Stolperstien für die vier Levy-Geschwister.  Carstens (2)
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An der Schlossstraße liegen jetzt wieder die Stolperstien für die vier Levy-Geschwister. Carstens (2)

Der 9. November war ein Schicksalstag auch für Kiel. Zwar wurde lange Zeit das Novemberpogrom von 1938 in der historischen Wahrnehmung verdrängt. Doch seit 40 Jahren wird der Zerstörung der Synagoge und der Zerschlagung des jüdischen Lebens gedacht.

shz.de von
09. November 2018, 12:34 Uhr



Rund 250 sogenannte „Stolpersteine“ hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in der Landeshauptstadt verlegt. 250 Mal wird an das Schicksal ehemaliger Mitbürger erinnert, die zum Opfer des NS-Rassenwahns wurden. Erstmals wurden jetzt Stolpersteine mutwillig zerkratzt. Gewidmet sind die ins Pflaster vor der Muhliusstraße 77 A gesetzten Quader dem Ehepaar Malie und Eduard Fischer mit ihren kleinen Töchtern Shirley und Recha, die 1942 in Auschwitz ermordet wurden.

Das gab Stadtpräsident Hans-Werner Tovar gestern bekannt. „Antisemitismus ist keine Meinung, Antisemitismus ist eine Straftat“, erklärte er an der Schlossstraße, wo vier weitere Stolpersteine gesetzt wurden. Die Hinweise auf die Geschwister Philipp, Nathan, Jacob und Recha Levy wurden bereits 2013 verlegt, mussten wegen der Bau-Arbeiten im Quartier aber ausgelagert werden. Gestern, am 9. November, dem Tag des Gedenkens, kamen die Steine für die drei jüdischen Kaufleute und ihre Schwester wieder in die Erde.

Die ehemalige Lehrerin Trudemarie Clausen (80) las den Brief vor, den Jacob Levy 1940 an die „löbliche Baupolizei“ geschrieben hatte. Vergeblich wies er auf die unhaltbaren hygienischen Zustände und überhaupt die Unbewohnbarkeit der winzigen Dachkammern im „Judenhaus“ am Kuhberg hin. Die Levys wurden Ende 1941 nach Riga deportiert, sie sind wahrscheinlich verhungert oder erfroren.

Von „Erinnerungskultur“ sprechen die Politiker heute gerne, wenn sie gemeinsame Veranstaltungen zur Gründung der Weimarer Republik am 9. November 1918 oder zum Novemberpogrom am 9. November 1938 im Auge haben. Das war nicht immer so. 1978 rief der damalige Kieler Stadtpräsident Rolf Johanning zur ersten Gedenkstunde am Platz vor der 1938 zerstörten Synagoge auf – seit dem 40. Jahrestag wird regelmäßig am Schrevenpark an diese schwarze Stunde erinnert.

Johanning hat auch das Verfahren gegen den früheren SS-Obersturmführer Kurt Asche vor Augen. Dem Judenreferenten im besetzten Belgien wurde die Deportation von 25 000 Juden nach Auschwitz vorgeworfen (wegen Beihilfe zum Mord erhielt er sieben Jahre Haft). Der Prozess sorgte 1980 für internationales Aufsehen, allein aus Israel kamen zum ersten Gerichtstag 200 Menschen. Johanning schlug damals vor, die Gäste auf Kosten der Stadtkasse zum Mittagessen einzuladen. „Das hat die CDU abgelehnt“, sagt Johanning – und ist froh, dass sich mit der Erinnerungskultur heute auch die politische Kultur verändert hat.

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