Zehn Jahre Tagesklinik : Der steinige Weg aus der Sucht

Im Zwölf-Wochen-Programm versucht Marina Soltau mit ihren Kollegen, die Patienten von ihrer Sucht zu befreien.
Im Zwölf-Wochen-Programm versucht Marina Soltau mit ihren Kollegen, die Patienten von ihrer Sucht zu befreien.

Schleswig-Holsteins einzige Tagesklinik für suchtkranke Menschen feiert heute ihr zehnjähriges Bestehen. Wer Alkohol, Glücksspiel oder Medikamente nicht in Griff bekommt, findet hier beim Zwölf-Wochen-Programm neuen Halt.

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25. September 2018, 17:17 Uhr

Von Nadine Heggen

Alkoholkrank, depressiv und von ihren Angehörigen verstoßen: Anette Weber (Name geändert) stand kurz vor der Rente, als sie in die Tagesklinik für süchtige Menschen in Kiel (TASK) kam. Viele Jahre hatte sich die Kinderkrankenschwester und Mutter um andere gekümmert. In der Tagesklinik ging sie in Gesprächen mit Therapeuten den Ursachen ihrer Sucht auf den Grund und erlernte Strategien, auf Alkohol zu verzichten. Die Tagesklinik ist in Schleswig-Holstein einzigartig und feiert heute ihr zehnjähriges Bestehen.

Ob junge Mütter, Langzeitarbeitslose oder Uni-Professoren: In die TASK, eine Tochter der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg, kommen Patienten aus sämtlichen Schichten. Einrichtungsleiterin Marina Soltau und ihr neunköpfiges Team helfen ihnen meist mit dem Zwölf-Wochen-Programm, ihre Alkohol-, Glücksspiel- oder Medikamentensucht in den Griff zu bekommen.

„Wir haben die Tagesrehabilitation für suchtkranke Menschen in Kiel 2008 gegründet, um eine Versorgungslücke zu schließen“, erklärt die Psychologin. Die Patienten sind an sechs Tagen in der Woche von morgens bis nachmittags in psychotherapeutischen Gesprächen, Reha-Maßnahmen und Gruppenrunden in der Klinik. Am späten Nachmittag gehen sie wieder nach Hause.

„Manche müssen sich auch um ihre Kinder oder um Angehörige kümmern. Das können sie nicht, wenn sie mehrere Wochen stationär behandelt werden“, sagt Marina Soltau. Bislang kamen 386 Patienten in die Tagesklinik in Kiel-Hassee, 273 Männer und 113 Frauen. Die Wartezeit beträgt maximal drei Wochen. Einzige Aufnahmebedingung: Die Patienten müssen seit mindestens einer Woche abstinent sein.

Zur Zeit behandeln Marina Soltau und ihr Team zehn Alkoholiker. Oft sind es Männer zwischen 40 und 50 Jahren, die von Entgiftungskliniken, Ärzten oder Suchtberatungsstellen geschickt werden. Eine Risikogruppe sind aber auch arbeitende Mütter um die 40 Jahre. „Die Belastung ist groß, über die Jahre baut sich viel Stress auf, der schließlich mit dem Suchtmittel betäubt wird“, weiß die Leiterin. Die Dunkelziffer ist hoch.

Bis Suchtkranke in Entgiftungskliniken oder Beratungsstellen landen, dauert es im Durchschnitt zehn Jahre. Dass dann der Absprung klappt, ist nicht garantiert. „Nach einem Jahr sind etwa 40 Prozent der Patienten, die in Tageskliniken behandelt wurden, noch abstinent“, sagt Marina Soltau. Die erlernten Strategien, Selbsthilfegruppen und Ehemaligentreffen helfen. Die Namen mancher Patienten findet die Psychologin aber auch in den Todesanzeigen der Tageszeitungen wieder. Klar: „Wer nicht aufhört zu trinken, stirbt dran.“

Anette Weber hat es aber geschafft. Die Kinderkrankenschwester hat auch sieben Jahre nach ihrer Behandlung noch Kontakt zu Marina Soltau. Sie trifft sich wieder mit ihren erwachsenen Kindern, arbeitet als Kindermädchen und engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde. Alkohol hat sie seit ihrem Absturz nicht wieder angerührt.

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