Agenda 2030 : Der Kilimandscharo rückt näher

Die Unterschriften stehen: Stadtpräsident Hans-Werner Tovar (r.) und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer.
Die Unterschriften stehen: Stadtpräsident Hans-Werner Tovar (r.) und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer.

Oberbürgermeister und Stadtpräsident haben gestern die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ unterzeichnet. Kiel will die bestehende Verbindung ins tanzanische Moshi Rural stärken. Daraus könnte die erste nicht-europäische Partnerschaft erwachsen.

shz.de von
24. März 2017, 17:36 Uhr

Die Landeshauptstadt steht vor ihrer nächsten festen Partnerschaft. Die seit 2013 bestehende Verbindung zu der Region Moshi Rural im afrikanischen Tanzania soll verstärkt werden. Stadtpräsident Hans-Werner Tovar und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer unterzeichneten gestern im Rathaus die bei den Vereinten Nationen (UN) entworfene „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ – ab sofort wird Entwicklungshilfe auch auf der kommunalen Ebene vorangetrieben.

Erleichtert wird das auch vom Deutschen Städtetag forcierte Programm durch eine Finanzspritze des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. 206  000 Euro erhält die Stadt Kiel in den ersten beiden Jahren. Damit sollen eine feste Planstelle eingerichtet sowie laufende Sachkosten bezahlt werden. Bereits am 1. April wird eine mehrköpfige Delegation aus Kiel in die Region am Fuße des Kilimandscharo aufbrechen, um in vier knapp bemessenen Tagen die technisch-organisatorischen Grundlagen einer Zusammenarbeit auszuloten. Das Gesundheitsamt ist ebenso vertreten wie das Jugendamt, das Grünflächenamt oder auch der Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel.

Die Kooperation mit Moshi Rural ist die erste Partnerschaft der Landeshauptstadt außerhalb Europas und die erste mit einer ganzen Region. Mit gut 400  000 Menschen hat dieser tanzanische Landkreis eine vergleichbare Einwohnerzahl wie der Großraum an der Förde. Bislang unterhält Kiel insgesamt zehn Partnerschaften zu Städten wie Coventry (England), Vaasa (Finnland), Brest (Frankreich), Gdynia (Polen) oder Tallinn (Estland). Das dänische Aarhus könnte die elfte Partnerstadt werden, die Vorbereitungen in den beiden Rathäusern laufen bereits auf vollen Touren. Die neue Afrika-Verbindung wiederum fußt auf Kontakten, die insbesondere Kirchengemeinden in Heikendorf und Kronshagen und der Kieler Verein Rafiki begründet haben. Schon zu den vergangenen Kieler Wochen wurde stets eine Moshi-Delegation eingeladen – jetzt erfolgt der ersehnte erste Gegenbesuch in Moshi.

Mit den Worten „Global denken – lokal handeln“ beschreibt Stadtsprecherin Annette Wiese-Krukowska die Absicht der „Agenda 2030“. Der schonende Umgang mit der Natur und ihren Rohstoffen gehört ebenso zum gemeinsamen Programm von Kiel und Moshi wie eine erfolgreiche Gesundheitspolitik. Malaria, Gelbfieber, Cholera und andere schwere Krankheiten brechen immer wieder in Tanzania aus. Aus Sicherheitsgründen haben alle Delegationsmitglieder denn auch eine achtfache Impfung durchlaufen.

Eine nachhaltige (soll heißen: stabile und verlässliche) Bildungspolitik steht ebenfalls auf der Agenda. So ist nach Worten von Rafiki-Aktivist Klaus Karpen der Bau einer „Secondary School“, einer weiterführenden Schule, in der Moshi-Region angedacht. Bei alledem soll es keine Bevormundung der Afrikaner durch die reichen Kieler geben. Karpen spricht für alle Teilnehmer, wenn er sagt: „Wir begegnen uns auf Augenhöhe.“  


KOMMENTAR:

Eine große gemeinsame Welt

Was die Vereinten Nationen mit ihrer „Agenda 2030“ anstreben, ist klar: Entwicklungshilfe auf die lokale Ebene herunterbrechen und nicht allein den anonymen staatlichen Apparaten überlassen. Die Anschubfinanzierung, die Kiel aus Berlin für die Teilnahme an diesem Basisprogramm erhält, ist beachtlich. 206  000 Euro fließen an die Förde. Unklar ist allerdings noch, was nach den ersten beiden „bezahlten“ Jahren passiert. Wird die Landeshauptstadt mit ihren chronisch knappen Kassen die Planstelle wieder streichen – was dem Prinzip der Nachhaltigkeit arg zuwiderlaufen würde? Die Antwort hängt vom Erfolg der Kooperation mit der tanzanischen Region im Herzen Afrikas ab. Es wird nicht einfach sein, über Kontinente hinweg den Dialog dauerhaft zu bestreiten. Einen Versuch ist es allemal wert – ist doch diese große Welt eine gemeinsame Welt.

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