Ausstellung : Der Kaiser und das Land der Drachen

Meist Auftragsarbeit für chinesische Werkstätten: Mit gestickten Bildern auf seidigem Grund hielten deutsche Mariner ihre Militärzeit in Fernost fest. Die großformatigen Werke hingen dann später in deutschen Wohnstuben.
1 von 2
Meist Auftragsarbeit für chinesische Werkstätten: Mit gestickten Bildern auf seidigem Grund hielten deutsche Mariner ihre Militärzeit in Fernost fest. Die großformatigen Werke hingen dann später in deutschen Wohnstuben.

Neue Ausstellung im Warleberger Hof: „Chinafahrt“ lebt von Fotografien und Souvenirs der Marine-Soldaten vor gut 100 Jahren. Die deutsche Kolonie Tsingtao bestand von 1897 bis 1914.

shz.de von
31. März 2017, 18:51 Uhr

In der neuen Ausstellung im Warleberger Hof geht es um den „Platz an der Sonne“. Mit diesen Worten hatten einst der deutsche Kaiser Wilhelm II. und sein Reichskanzler Bernhard von Bülow das Verlangen nach eigenen Kolonien formuliert. Nun, Tsingtao im fernen Osten Asiens gehört zu diesen fernen Plätzen, an den deutsche Soldaten (und in ihrem Gefolge die Kaufleute) die Flagge hissen konnten. Morgen um 11.30 Uhr ist offizielle Eröffnung der „Chinafahrt“, im Zentrum stehen koloniale Bilder und Souvenirs der kaiserlichen Marine.

„Wir betreten Neuland“, stellte Museumsleiterin Doris Tillmann gestern bei der Vor-Besichtigung fest. Etliche Tagebücher und diverse Foto-Alben (mit zusammen etwa 3000 Aufnahmen) wurden für die Ausstellung erstmals ausgewertet. Kuratorin Sandra Scherreiks hat auch Seidenstickbilder, Porzellanvasen, Kimonos, Silberlöffel mit Drachenmotiven aufgenommen. Selbst einen Stadtplan von Tsingtao mit deutschen Straßennamen können die Besucher einsehen. Am 14. November 1897 hatte ein Landungskorps das chinesische Fischerdorf für die deutsche Krone eingenommen. Die Einwohner wurden vertrieben, die Häuser zerstört, Tsingtao wurde – inclusive der bis heute bestehenden Bierbrauerei – nach deutschem Vorbild neu entworfen.

Die Aufnahmen der meist von Offizieren geführten Foto-Alben zeigen die „Begegnung der Kulturen“ (die beim Boxer-Aufstand 1900/01 zum „Krieg der Kulturen“ führen sollte): Marine-Soldaten in Rikschas, mit Opium-Pfeifen, beim Einkauf an Land. Bord-Offiziere, die – allesamt mit Kaiser-Wilhelm-Bart – fernab der Heimat Weihnachten feiern. Auch Bilder von hingerichteten Chinesen haben den Weg in die Ausstellung gefunden. Oder von heimischen Frauen, die – um den Hals eine dicke schwere Holzplatte – am Pranger stehen. Die deutsche Überlegenheit musste eben auch ihren fotografischen Niederschlag finden.

Persönlich hatte der Kaiser Ende 1897 die neu formierte Kreuzer-Division unter dem Befehl seines Bruders Prinz Heinrich von Preußen nach Fernost entsandt. Die Verabschiedung der Marine-Einheiten, auch das wird deutlich, war stets ein großes Ereignis in Kiel. Die sogenannten „Truppendampfer“ brauchten vier bis sechs Wochen bis Tsingtao. Sorgfältig wird die Reiseroute beschrieben, die auch durch den Suez-Kanal führt. 17 Jahre lang blieb Tsingtao ein deutscher Stützpunkt. Am 7. November 1914 kapitulierten die Deutschen vor den japanischen Angreifern. Mit dem „Platz an der Sonne“ war es vorbei. Die Marine-Angehörigen wurden eingeschifft und in japanische Kriegsgefangenenlager gebracht. Viele von ihnen sollten erst zu Beginn der 20er-Jahre wieder nach Deutschland zurückkehren. Wo es längst keinen Kaiser mehr gab.  

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen