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Kiel

26. September 2017 | 18:36 Uhr

Kiel : Der Jazzer aus Minsk

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Avenir Vainshtein war bekannter Jazzmusiker, Produzent, Fotograf und Journalist in Weißrussland. Im Juli wird er 80 – dank der Uniklinik in Kiel.

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erstellt am 27.Apr.2014 | 17:00 Uhr

Kiel | In der Landeshauptstadt lebt Avenir Vainshtein seit 2009. Im Jahr 2011, innerhalb von nur sechs Monaten, überstand Vainshtein in der Kieler Uniklinik sieben Operationen – von der Nierensteinentfernung bis zur siebenstündigen Bypassoperation. „Ich bleibe auf dieser Welt nur dank meiner Frau Valentina, die mich überzeugt hat, hierher zu fahren“, beteuert er. Als Jude, dessen Familie unter den Nazis leiden musste, bekam er früher mehrere Einladungen, nach Deutschland umzuziehen. Zwei davon zerriss er. „Ich wollte nicht. Aber die weißrussische Medizin, die mich 2005 nach dem ersten Herzinfarkt gerettet hatte, gab mir zu verstehen, dass es mir weiterhin immer schlechter gehen wird.“ Dort habe man ihm nicht ausreichend helfen können. Und so wurde der Musiker, der auch an Diabetes leidet, von der Uniklinik weiterbehandelt. Zum Dank wird er seine Organe den dortigen Studenten vermachen.

Vor mehreren Wochen zog Veinshtein in eine für Menschen mit Behinderung geeignete Wohnung im Gustav-Schatz-Hof um. Nach einer Schulter- und Rückenverletzung und trotz zahlreicher Operationen ist er stark gehandicapt; zu Hause kann er sich nur noch mit einem Stock, draußen im Rollstuhl vorwärtsbewegen. Auf die Hilfe seiner Frau muss er dabei verzichten – die Sprachforscherin verstarb kürzlich, nach 58 Jahren Ehe.

Avenir Vainshtein wurde in Charkow (Ostukraine) geboren. Die Musik begleitete ihn von klein auf: Die Familie war eng verbunden mit den Prominenten der Musikwelt. Avenirs Vater David war Konzertmeister der Charkower Oper und Kumpan des über die Sowjetunion hinaus bekannten Geigers David Oistrach. Die in Deutschland hergestellte Geige des Vaters, die dieser übrigens einer gemeinsamen Sauftour mit dem befreundeten Stargeiger verdankte, verwahrt Vainshtein als heiliges Familienstück: „Sein Sohn Igor, auch weltberühmter Musiker, wollte diese Geige bei mir kaufen. Ich habe gesagt: nie im Leben!“

Vainshteins Mutter Zizilija lernte Klavierspiel bei dem russisch-amerikanischen Pianisten Alexander Siloti. Lehrer ihres älteren Bruders war der russische Komponist Nikolaj Rimskij-Korsakow.

Mit 13 Jahren ging Vainshtein auf die Moskauer Militärmusikschule, danach besuchte er die Musikfachschule in Kaliningrad. „Von Kindheit an wohnte ich in Kasernen. Die Uniform gehörte ebenso zu meinem Leben wie mein Instrument“, erinnert sich der 79-Jährige. Bis heute sei er überzeugt, dass die Sowjetunion und der große Führer Stalin ihn erzogen hätten. „Vor seinem Porträt schwor ich, in der Schule bessere Noten zu bekommen“.

Von 1948 bis 1950 nahm Avenir als Trommler und Fanfarenbläser an vier Paraden auf dem Roten Platz in Moskau teil – je zweimal am 1. Mai (Arbeitertag) und am 7. November (Tag der Oktoberrevolution). „Für mich war es eine große Ehre, vor Stalin zu spielen.“

Avenirs Cousin, seines Zeichens Militärkapellmeister, war ein großer Freund des langjährigen Bolschoi-Theater-Trompeters Timofej Dokschitzer. „Er war überzeugt von meinem musikalischen Talent und organisierte ein Vorspiel bei Dokschitzer. Fazit: Meine Finger passten leider nicht zur Trompete – dafür aber um so besser zur Klarinette.“ Und so wechselte er das Instrument.

Vainshteins Karriere in Weißrussland (damals ein Teil der UdSSR) begann 1957. In den 60er Jahren spielte er dann in den Ländern des sogenannten sozialistischen Lagers; so auch in der DDR, genauer in Schwerin vor den sowjetischen Streitkräften.

Jazzmusik war in der UdSSR zwar nicht verboten, aber hart als „schädliche Wirkung des Westens“ kritisiert. Erst nach Stalins Tod im Jahr 1953 konnte sich der Jazz in der Sowjetunion wieder mehr Gehör verschaffen. Als Vater dieser Musikrichtung galt in Weißrussland Eddie Rosner, gebürtiger Berliner und Absolvent der dortigen Musikhochschule. Vainshtein war von ihm und seiner Musik fasziniert. Von ihm inspiriert gründet er in Minsk 1969 die Band „Weißrussischer Dixieland“. Später arbeitete er als Produzent verschiedener Musikgruppen, bevor er 2003 ein neues Projekt ins Leben rief: „Avenir-Band: Im Jazz sind nur Großväter“. Ergraute Jazzer sprengten die Musikszene. Mittlerweile spielen die alten Herren ohne ihren Leiter.

Vainshtein ist in allen möglichen Netzwerken – nicht nur russischen, sondern auch deutschen – präsent. Unter anderem bietet er dort Jazzunterricht an. Mit dem Computer-Lexikon kennt sich der 79-Jährige genauso aus wie mit der Musik. Und wo hat er sein Deutsch gelernt? „Ich habe keine Sprachkurse besucht. Meine Schule war das Krankenhaus.“

„Hier lebt ein besonderer Menschenschlag. Sie sind offen und tragen keine angeklebten Lächeln“. Zudem seien ältere Menschen gut versorgt und respektiert. „Ich betrachte das mit Neid.“

Vor seiner Behinderung war Vainshtein im Norden viel unterwegs. „Ich fotografierte die schönen schleswig-holsteinischen Landschaften und möchte daraus Ende Mai eine Ausstellung in Minsk machen, als Ergänzung zu meinem Jubiläumskonzert.“ Er träumt zudem von einer deutschen Tour seiner „Avenir-Band“ und hat in Kiel bereits mehr als 20 neue Jazzstücke geschrieben. „Wir brauchen nur organisatorische Hilfe. Und dann zeigen wir allen, wie der echte Jazz klingt!“

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