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Angebliche Übergriffe : Der Fall Sophienhof: So reagiert Kiel auf das Foto-Wirrwarr

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Doch offenbar hat die Polizei falsch informiert. Die Reaktionen.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2016 | 06:57 Uhr

Kiel | Die Ermittlungen zu den vermeintlichen Übergriffen im Sophienhof sind für den FDP-Innenpolitiker Ekkehard Klug nichts anderes als eine „erschreckende Pannenserie. „Hoffentlich läuft das nicht noch weiter nach dem Motto ,Fortsetzung folgt’“.

Die Polizei hatte unmittelbar nach den Geschehnissen im Sophienhof noch berichtet, zwei Afghanen hätten die Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren belästigt und gefilmt. Anschließend seien sie von bis zu 30 Männer verfolgt worden. Die Polizei stellte dies in ihrer damaligen Mitteilung als Tatsache dar. Viele empörten sich, auch Innenminister Stefan Studt (SPD) – der sich auf die Informationen der Polizei verließ.

Chronik der Aussagen der Polizei und Staatsanwaltschaft:

26. Februar: In der Polizeimeldung heißt es: „Drei weibliche Jugendliche im Alter von 15, 16 und 17 Jahren wurden durch zuerst zwei männliche Afghanen im Alter von 19 und 26 Jahren beobachtet, verfolgt und schließlich mit Mobiltelefonen in einem Restaurantbereich im Sophienhof fotografiert beziehungsweise 
gefilmt.“
29. Februar: Vier Tage nach dem Geschehen widerspricht die Polizei: Es seien weder Fotos noch Videos der Opfer gefunden worden. Kurz danach wurde mitgeteilt, die Auswertung der Handys sei noch nicht abgeschlossen. Dann schließlich betonte Gutt, es seien doch Bilder gefunden worden.
2. März: Vize-Landespolizeidirektor Joachim Gutt revidiert die Aussage ein weiteres Mal: „Wir haben Bilder der Opfer gefunden.“ Die Auswertung müsse zeigen, ob das Material während der Übergriffe entstanden sei oder möglicherweise von einer anderen Quelle stamme, etwa den Facebook-Seiten der jungen Frauen.
4. April: Oberstaatsanwalt Axel Bieler erklärt: „Es wurden keine  Fotos oder Videos gefertigt.“

„Damit hat sie mit dem rechtsstaatlichen Grundsatz gebrochen, dass erst der Richter die tatsächliche Schuld feststellt und nicht die Polizei, die stets belastende und entlastende Fakten gleichfalls ermitteln muss“, sagt nun der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb zur ursprünglichen Darstellung der Polizei. Dass jede Korrektur in diesem Fall große Beachtung finde, liege an der „anfänglichen, etwas missglückten Pressemitteilung“ der Beamten.

Dass im Laufe der Ermittlungen neue Erkenntnisse zum Tatgeschehen auftauchen, findet der CDU-Innenpolitiker Axel Bernstein nicht ungewöhnlich. Sein Grünen-Kollege Burkhard Peters betont dagegen: „Die neuen Erkenntnisse zu den Vorfällen im Sophienhof zeigen einmal mehr, dass wir uns nicht von Hektik leiten lassen sollten.“

In der Kritik steht auch die Presse. Politik und Medien dürften „die Polizei nicht zu vorschnellen Äußerungen treiben“, warnt Krisenforscher Roselieb. „Wenn die Auswertung von Handys mehrere Wochen dauert, dann wird eben auf die laufenden Ermittlungen verwiesen und nicht mehrdeutig in Ausschüssen von gefundenen Fotos gesprochen.“

Der Kieler Medienexperte Jörn Radtke spricht von „kollektivem Versagen“ der Journalisten. „Es ist unglaublich, wie die Berichterstattung in den deutschen Medien vor und nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln auseinanderdriftet.“ Bis dahin sei weitgehend ein positives Bild der Flüchtlinge vermittelt worden. Danach sei vornehmlich negativ berichtet worden. „Und davon lässt sich offenbar teilweise auch die Polizei unter Druck setzen.“ Das erkläre auch, dass in einer Pressemitteilung Vorwürfe in Tatsachenform berichtet würden.

Die Gewerkschaft der Polizei verweist mit Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit der Beamten auf einen „Spagat zwischen dem sofortigen öffentlichen Informationsanspruch und der Gefahr einer frühen und damit möglicherweise nicht vollständigen Bekanntgabe von Sachständen“. Erfahrungsgemäß ließen sich die wahren Begebenheiten oft erst im Laufe von Ermittlungsverfahren aufklären, sagt Sprecher Karl-Hermann Rehr. Die SPD-Innenpolitikerin Simone Lange appelliert deshalb: „Die Öffentlichkeit sollte akzeptieren, dass Ermittlungen ihre Zeit brauchen. Schnellschüsse gehen manchmal auch nach hinten los.“

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