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Foto-Portal : Der Detektiv im Stadtarchiv

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für Christoph Freitag gibt es kaum ein historisches Foto aus der Kieler Stadtgeschichte, das er nicht zuordnen kann. 25 000 Bilder sind bislang im Online-Portal frei zugänglich – damit steht das Stadtarchiv im Norden ziemlich einzigartig in der Kulturlandschaft.

Das Stadtarchiv setzt seinen Weg der Datenbank-Öffnung unbeirrt fort. Genau vor einem Jahr hatte Oberbürgermeister Ulf Kämpfer das Foto-Portal zur kostenlosen Nutzung freigeschaltet, gestern zog Archiv-Leiter Johannes Rosenplänter eine Erfolgsbilanz. Immerhin ist das Kieler Stadtarchiv nach seinen Worten die erste und einzige Kultureinrichtung in Schleswig-Holstein, die ihre historische Bild-Datenbank den Internet-Nutzern zum Nulltarif zur Verfügung stellt. Mit 15  000 Aufnahmen war das Projekt Ende 2015 gestartet, aktuell sind 25  000 Bilder digitalisiert und beschriftet. Schätzungsweise 1,5 Millionen Negative gilt es noch zu erfassen.

Das Einscannen der Filmnegative bekannter Fotografen und Stadt-Chronisten wie Friedrich Magnussen (1914 bis 1987) ist noch das kleinere Problem, wie Foto-Archivar Christoph Freitag erklärte. Um die historischen Aufnahmen überhaupt nutzbar zu machen, müsse eine verlässliche Beschriftung erfolgen. Der Betrachter will ja auch wissen, in welchem Jahr das Bild entstanden ist – und was es denn überhaupt zeigt. Viele Straßen, Gebäude oder Hafenanlagen, die vor Jahrzehnte fotografiert worden sind, haben sich radikal verändert oder sind sogar komplett verschwunden.

„Das ist eine echte Detektivarbeit“, erklärt Rosenplänter die anspruchsvolle Aufgabe der wissenschaftlichen Beschriftung. Sein zuverlässiger Mitarbeiter hat sich dabei offenbar still und leise zum Sherlock Holmes im Stadtarchiv entwickelt. Zwar fehlen ihm die Pfeife und die Schirmmütze, aber es gibt immer weniger Aufnahmen, die Freitag nicht zuordnen kann. Er greift dabei zurück auf so profane Dinge wie alte Adressbücher, aber auch auf die Hilfe der Öffentlichkeit. Von gut 500 sogenannten „Rätsel-Bildern“, die er seit Dezember 2015 ins öffentliche Online-Archiv gestellt hat, konnte er dank der Hilfe der Archiv-Freunde bereits 400 entschlüsseln.

Freitag spricht von einer „historischen Verantwortung, wenn er auf den massiven Zeitdruck verweist. Negative, das ist bekannt, sind durchweg für zwei, drei Jahrzehnte zu gebrauchen, danach zersetzen sie sich langsam. Doch das Stadtarchiv kommt mit der Bearbeitung einfach nicht hinterher. „Nach jetzigem Stand brauchen wir wohl 140 Jahre, um alle Negative zu erfassen und vernünftig zu beschriften“, schätzte Freitag de zeitlichen Rahmen gestern ab. Archiv-Leiter Rosenplänter träumt deshalb davon, das Personal aufzustocken. Er kennt aber auch die äußerst angespannte finanzielle Lage der Landeshauptstadt. „Drittmittelgeber“, hofft Rosenplänter, könnten vielleicht helfen, das ehrgeizige Projekt der Digitalisierung in angemessener Zeit abzuschließen.

Internetnutzer können die städtische Bildersammlung unter der Adresse fotoarchiv-stadtarchiv einsehen, sie können dort auch gezielt suchen und Aufnahmen auf den heimischen Computer herunterladen. Im vergangenen Jahr haben davon 116  000 Menschen Gebrauch gemacht. Es ist eben viel einfacher, den Computer einzuschalten als in den fünften Stock des Kieler Rathauses hochzustiefeln. An die Archivtür haben im gleichen Zeitraum nur 748 neugierige Menschen geklopft.

 

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erstellt am 09.Dez.2016 | 18:59 Uhr

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