Heringsangeln : Den falschen Mann am Haken?

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Der Streit zwischen drei Kieler Heringsanglern begann harmlos, artete dann aber aus und hinterließ drei Verletzte, einer musste um sein Leben fürchten. Doch der genaue Hergang blieb bisher im Dunkeln, zu unterschiedlich fielen die Aussagen der Beteiligten aus.

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11. Januar 2018, 18:55 Uhr

Was sich genau am 13. April 2016 am Germaniahafen in Kiel abspielte bleibt unklar. Sicher ist nur, dass am Ende dieses Apriltages drei Angler verletzt waren, einer von ihnen lebensgefährlich. Gestern musste sich einer der Beteiligten, ein 53-jähriger Kieler, vor dem Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er soll den Zeugen J. mit einem Fischknüppel verprügelt und auf den Zeugen S. mit einem Messer eingestochen haben. Das Gericht fischte allerdings im Trüben. Schnell wurde klar, dass es in den Erinnerungen der Angler zwei Versionen gibt.

Der Angeklagte berichtete laut und klar von seinen Eindrücken. Grund für den Streit waren die Heringe, die er aus der Förde gezogen hatte. Der Zeuge S. habe sich bei dem 53-Jährigen darüber beschwert, dass er die Fische nicht schnell genug töten würde. Und der Kollege J. habe sich wegen einer Angelleine aufgeregt, die der Angeklagte angeblich beschädigt hatte. „Beide waren betrunken. Ich wollte dem Streit aus dem Weg gehen, packte meine Sachen und ging zum Auto“, so der Beschuldigte. „J. ist mir aber bis zum Parkplatz gefolgt.“

Dort eskalierte der Konflikt. „Er zog ein Messer und griff mich damit an“, sagte der Angeklagte. „Als ich fliehen wollte kam ihm S. zu Hilfe und rief, dass er mich platt machen würde.“ Aus Angst habe der 53-Jährige dann einen Fischknüppel aus dem Kofferraum genommen. S. sei auf ihn zugegangen und habe ebenfalls ein Messer gezogen. „Da habe ich zugeschlagen“, sagte der Angeklagte. S. ging zu Boden, der Angeklagte floh zum Wagen. Im Seitenspiegel habe er beim Wegfahren noch beobachtet, wie S. und J. untereinander heftig streiten.

Der Zeuge S. schilderte die Geschichte anders. Er habe sich wegen der Heringe aufgeregt, so wie J. über die zerstörte Angelschnur. Dieser sei dem 53-Jährigen aber nicht zum Wagen gefolgt. „Der Angeklagte hat J. gebeten, mit zu seinem Wagen zu kommen, um alles zu klären.“

Weitere Angler, die am Tattag vor Ort waren, bestätigten sowohl die Version des Angeklagten als auch die des Zeugen S. Als sein Freund nach mehreren Minuten nicht zurückkam, habe S. sich Sorgen gemacht und nachgesehen. „Ich sah noch, wie der Angeklagte J. im Würgegriff hatte, da drehte er sich auch schon um, nahm einen Knüppel aus dem Kofferraum und kam auf mich zu“, schilderte S. das Geschehen. Kurzerhand hätte der Angeklagte zugeschlagen und schließlich mit einem Messer zweimal zugestochen. „Ich bin zusammengesackt, er ist geflüchtet.“ Bekannte an der Angelstelle alarmierten den Notarzt.

Zwei Messer wurden zwar im Kofferraum des Angeklagten gefunden, gestern stand allerdings nicht fest, ob eines als Tatwaffe in Frage kommt. Die Verteidigung veranlasste eine entsprechende Untersuchung. Die Ergebnisse sind in sechs Wochen zu erwarten. Aufgrund der Streitszene, die der Angeklagte schilderte, wurde J. von der Polizei bei der Vernehmung indes ebenfalls als möglicher Täter gehandelt, wie ein geladener Polizist berichtete. Nach fünf Stunden Verhandlung bestand Grund zur Annahme, dass die Staatsanwaltschaft den Falschen am Haken haben könnte. Zu einem Urteil kam es gestern deswegen nicht. „Außerdem müssen wir den Beteiligten J. hören“, sagte die Richterin. Der Zeuge war zwar für gestern geladen, erschien aber nicht.

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