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Hundertjährige in Kiel : Dem Rätsel eines langen Lebens auf der Spur

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kieler Forscher prüfen den Einfluss der Umwelt auf ein spezielles Gen. Wir stellen zudem einen Hundertjährigen aus Kiel und sein Rezept für ein langes und gesundes Leben vor.

shz.de von
erstellt am 25.Nov.2014 | 05:44 Uhr

Die älteste Kielerin heißt Frieda Dahlenburg. Sie ist 107 Jahre alt. Mitte April hat sie ihren Geburtstag gefeiert. Wilhelm Martin ist erst Ende vergangener Woche in den „Club der 100-Jährigen“ eingetreten. Dabei hat er nie daran gedacht, so alt zu werden. „Mein Leben stand oft auf dem Spiel“, erzählt der Mann mit den wachen hellblauen Augen, und seine feingliedrigen Hände spielen mit dem Knauf seines Gehstocks. Mit seiner Frau Wilma (92) lebt er im „Förde-Domizil“ in Kiel-Friedrichsort. Während Wilma Martin in der gemeinsamen Wohnung oben bleibt, taucht ihr Mann unten im Begegnungsraum in seine 100-jährige Vergangenheit ein.

Frieda Dahlenburg und Wilhelm Martin – beide gehören zu aktuell 61 Personen in der Landeshauptstadt, die 100 Jahre alt oder älter sind. Noch 2012 lag die Zahl der Kieler „Methusalems“ bei 54. Damit zeichnet sich auch an der Förde eine Tendenz ab, die Demografen für die gesamte Republik prognostizieren: In jeder Dekade wird sich die Zahl dieser Bevölkerungsgruppe verdoppeln. In Schleswig-Holstein und Hamburg leben sogar überdurchschnittlich viele sehr alte Menschen. Im vergangenen Jahr waren es exakt 266.

Woran das liegt, darüber lässt sich nur spekulieren. In einer Hinsicht besteht unter Wissenschaftlern aber Einigkeit: Den Großteil des Alterungsprozesses bestimmen die Lebensumstände wie Ernährung und Bewegung. Zu 20 bis 30 Prozent sind die Gene für ein kurzes oder langes Leben verantwortlich. Eins dieser Gene nehmen Forscher der Kieler Christian-Albrechts-Universität genauer unter die Lupe. Schon 2009 wurde eine Studie zu „FOXO3A“ veröffentlicht. Eine Variation in diesem Gen ist demzufolge auffällig oft bei über 100-Jährigen aktiv. Die These: Es beeinflusst die Lebenserwartung positiv. Aktuell experimentiert das Team um den Zoologen Professor Thomas Bosch am Einfluss der Umwelt auf die genetischen Faktoren. Als Objekt dienen Süßwasser-Polypen, die das Gen genauso in sich tragen wie Menschen. Sie werden unter verschiedenen Fütterungsbedingungen untersucht. Bosch: „Ein langer Prozess. Wir rechnen in zwei bis drei Jahren mit wesentlichen Fortschritten.“

Für Wilhelm Martin ist der Sport, zu dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an motiviert hat, maßgeblich beteiligt an seiner Gesundheit auch im hohen Alter. Ob Handball bei der SV Friedrichsort, Vorturnen in der Schulpause oder das spätere Wandern mit der Ehefrau an der Steilküste bei Dänisch-Nienhof: Wilhelm Martin legt Wert auf Bewegung in jeder Hinsicht. Auch mental ist er fit. Der Mann verfolgt die politische Großwetterlage in der Zeitung, abends im Bett: „Die Schlagzeilen lese ich, den Rest reime ich mir zusammen “, sagt Martin und zeigt ein schelmisches Lächeln. Humor, den hat er, „und davon ’ne ganze Masse“, meint der Hundertjährige.

Lebensmut, Geradlinigkeit und Unerschrockenheit scheinen in den episodenhaften Erzählungen durch. Immer wieder führen ihn seine Erinnerungen in die Zeit vom Anfang bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Wilhelm Martin lehnte eine Mitgliedschaft in der NSDAP ab, wie er berichtet. Er musste als Soldat zu Einsätzen, etwa als Rechnungsführer. Doch mit viel Glück wurde er kurz vor dem Einmarsch nach Holland nach Hause geschickt. Bei Kriegsende, berichtet Wilhelm Martin, wäre er in Frankfurt/Oder beinahe von einer russischen Granate getötet worden – nur eine Geschichte aus seiner bewegten Vergangenheit.

„Ich hatte auch viele schöne Momente“, sagt der Mann, der in der Bäckerei-Kette Steiskal Karriere machte, Prokurist war. An erster Stelle steht für ihn aber seine Frau. Sie sind seit 71 Jahren verheiratet, haben zwei Söhne groß gezogen. Seit einiger Zeit, erzählt Wilhelm Martin, rauchen sie beide manchmal zusammen eine Zigarre, „für die Gemütlichkeit.“ Wilhelm Martin, das wird deutlich, lebt gern. Wie alt er werden möchte? Die Frage stellt sich ihm nicht: „Das entscheidet ein anderer.“

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