Debatte um das Hindenburgufer

Die Kiellinie „verlängern“: Das wollen SPD und Grüne in Kiel.
Die Kiellinie „verlängern“: Das wollen SPD und Grüne in Kiel.

Diskussion über den umstrittenen Namensgeber im Rathaus

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30. November 2013, 06:00 Uhr

Soll das Kieler Hindenburgufer umbenannt werden – oder nicht? Über diese Frage diskutierten Kieler Kommunalpolitiker und Bürger am Donnerstagabend fast drei Stunden lang, teilweise hitzig, im Rathaus. Dennoch blieb es weitgehend ein Schlagabtausch mit Niveau, bei der die Vertreter unterschiedlichster Auffassungen gleichermaßen zu Wort kamen. Nur vereinzelt kam es zu Irritationen oder Zwischenrufen wie „Was soll der Quatsch“.

Da waren diejenigen, die Paul von Hindenburg – der Namensgeber der prominenten Straße an der Innenförde – diese Ehrung aberkennen wollen. Da waren die anderen, die vor einer Welle von möglichen Umbenennungen warnen – oder sich an den Namen gewöhnt haben. Da waren Zuhörer, die im Lauf des Abends ihre Meinung geändert haben. Und die, die erstmal wissen wollen, was so eine Umbenennung denn kostet. Sogar unter Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs schieden sich die Geister.

Hintergrund ist eine Debatte über die Rolle des damaligen Reichspräsidenten von Hindenburg bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933. In einer Sondersitzung der Ortsbeiräte Ravensberg/Brunswik/Düsternbrok und Wik sollte ein Votum an Ausschüsse und Ratsversammlung abgegeben werden.

Zu Beginn erläuterte Stadtarchivar Johannes Rosenplänter historische Entscheidungen Hindenburgs sowie deren Auswirkungen auf Kiel. Es ging um die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, um Hindenburgs Verordnungen zum Schutz des Deutschen Volkes, die eine „massive Aushebelung unseres Grundrechte-Katalogs bedeuteten“ (Rosenplänter), sowie das Ermächtigungsgesetz, das Hindenburg unterzeichnete. Kieler Sozialdemokraten und Kommunisten wurden unter anderem verfolgt, deren Presse-Organe verboten, das Gewerkschaftshaus mehrfach besetzt. Im Frühjahr 1933 wurde der damalige Kieler Strandweg in Hindenburgufer umbenannt.

SPD und Grüne des Ortsbeirats Ravensberg sind sich einig: Das Hindenburgufer soll in Kiellinie umbenannt werden, als Verlängerung der Kiellinie stadtauswärts. Das bestehende Namensschild soll durchgestrichen werden – wie in der Stadt Münster. Rats-Fraktions-Vize Benjamin Raschke unterstützt dies: „Der Name Hindenburg ist problematisch, unser Vorschlag ist ein guter Kompromiss.“ Dafür gab es Applaus im Publikum.

Die CDU möchte, dass alles beim Alten bleibt. Einzige Gemeinsamkeit: Hinweise auf den damaligen Reichspräsidenten sollen aufgestellt werden. CDU-Ortsbeiratsmitglied Alexander Blazek empfindet „die Tilgung eines seit 80 Jahren zum Straßenbild gehörenden Namens“ als „unverständlich“. Vielen Bürgern erscheine das als Affront. Befürworter klopften zustimmend. Ein früherer Oberbürgermeister Kiels, Karl-Heinz Zimmer (1996 bis 1997), sah für die Diskussion gar„keinen aktuellen Anlass“. Dadurch würden nur Wunden aufgerissen.

Die Piraten wollen die Rückbenennung in Strandweg. Die Linken möchten die Straße dem Kieler Sozialdemokraten Karl Ratz (1897-1961) widmen. Am Ende des Abends gab es kein klares Votum. Der Wiker Ortsbeirat war nicht beschlussfähig, im anderen Gremium entstand ein Patt von vier Stimmen für eine Umbenennung und vier Stimmen dagegen. Ende Januar könnte das Hindenburgufer wieder Thema in der Ratsversammlung sein.

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