Pflege-Eltern, Pflege-Kinder : Das neue Leben von Geronimo

Vor dem Rathaus: Geronimo kam als Fünfjähriger in eine Pflegefamilie. Das hat er lange nicht verstanden – heute ist er Edda Lilienfein vom städtischen Jugendamt dankbar für diese Entscheidung.
Vor dem Rathaus: Geronimo kam als Fünfjähriger in eine Pflegefamilie. Das hat er lange nicht verstanden – heute ist er Edda Lilienfein vom städtischen Jugendamt dankbar für diese Entscheidung.

Als Fünfjähriger kam Geronimo in eine Pflegefamilie. Heute ist er dankbar, dass das Jugendamt damals so entschieden hat.

shz.de von
06. November 2018, 18:32 Uhr

Kiel | Den Namen hat ihm seine leibliche Mutter gegeben, sie liebte die Geschichten über den stolzen Indianerhäuptling. Geronimo war drei Jahre alt, als sein drogenabhängiger Vater starb – und seine Mutter mit acht Kindern hoffnungslos überfordert war. Als Fünfjähriger kam er dann in eine Pflegefamilie. Gestern stellte der städtische Pflegekinderdienst einen Kurzfilm über seine Arbeit vor – und der jetzt 23-jährige Geronimo erzählte freimütig aus seinem Leben mit zwei Familien.

Denn er hat stets Kontakt zu seiner leiblichen Mutter und zu seinen Geschwistern gehalten. „Kinder dürfen sich an die guten Seiten der leiblichen Eltern erinnern“, erklärt Jugenddezernentin Renate Treutel. Jochen Schepp, Abteilungsleiter im städtischen Jugendamt, und seine Kollegin Edda Lilienfein, Geronimos frühere Betreuerin, stimmen zu.

Der städtische Pflegekinderdienst betreut ungefähr 250 Mädchen und Jungen, jährlich kommen 50 Fälle hinzu. Obwohl sie vernachlässigt, oft sogar verprügelt und misshandelt wurden, sehnen sich viele Kinder nach den Bezugspersonen in ihrer alten Familie zurück. Pflege-Eltern müssen in erster Linie Verständnis, Einfühlungsvermögen und Geduld mitbringen. Der Kurzfilm trägt den vielsagenden Titel „Meine Pflege-Eltern haben den Unterschied in meinem Leben ausgemacht“.

Zwischen 762 und 916 Euro monatlich erhalten die Pflege-Eltern für die Betreuung. Doch das Geld darf nach Einschätzung der Experten aus dem Jugendamt nicht das entscheidende Kriterium sein. Das Jugendamt erwartet von potenziellen Pflege-Eltern sogar eine finanzielle Unabhängigkeit, damit die Kinder nicht zum schnöden Spielball werden. Und mindestens ein Elternteil muss rund um die Uhr Ansprechpartner sein.

Geronimo hat, wie er sagt, bis zur Pubertät gebraucht, um zu begreifen, was mit ihm geschah. Als Sozialpädagogischer Assistent kann er heute Kindern in vergleichbarer Lage helfen. Was aus ihm geworden wäre, wenn das Jugendamt ihn als Fünfjährigen nicht in einer Pflegefamilie untergebracht hätte? Geronimo zuckt mit den Schultern. Doch er mag nicht ausdrücklich widersprechen, als jemand von der „schiefen Bahn“ spricht.



 

Der Film „Meine Pflege-Eltern haben den Unterschied in meinem Leben ausgemacht“ ist im Internet unter www.kiel.de/Pflegekinderdienst zu sehen. Pflege-Eltern müssen nicht zwangsläufig in Kiel wohnen, die Familien sind heute über das gesamte Land verteilt. Nähere Informationen gibt es per E-Mail unter der Adresse pflegekinderdienst@kiel.de oder unter Tel. 0431/ 901 - 36 40.

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