Das gebrochene Herz eines Sammlers

„Der Liebesbrief“ von Theodor Hildebrandt (1846): Von seinem Lieblingsgemälde bleibt Hermann K.* nur noch ein Foto. Ganz gezielt hatten die Diebe kostbare Kunstwerke ausgesucht.
„Der Liebesbrief“ von Theodor Hildebrandt (1846): Von seinem Lieblingsgemälde bleibt Hermann K.* nur noch ein Foto. Ganz gezielt hatten die Diebe kostbare Kunstwerke ausgesucht.

Der Schmerz des Opfers sitzt tief: Vor zwei Wochen stahlen Einbrecher aus einem Haus in Klausbrook Kunst im Wert von etwa 300 000 Euro

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22. März 2017, 13:30 Uhr

Es war ein Kunstraub, der Kieler Geschichte schreiben wird: 30 Kunstwerke, die 16 wertvollsten davon im Wert von 300  000 Euro, hatten Einbrecher vor zwei Wochen aus einem Reihenhaus in einer Kieler Wohnsiedlung gestohlen. Von den Tätern fehlt bislang jede Spur, zurück bleibt der Bestohlene, der – sichtlich niedergeschlagen – jeden Anflug von Sentimentalität zu verbergen versucht. 23 Jahre lang hatte Hermann K.*, Professor der Christian-Albrechts-Universität (CAU), die Gemälde mit Herzblut gesammelt.

Am Sonntagabend, 5. März, war Hermann K. bei Bekannten zum Essen eingeladen. „Und wie das so ist unter Wissenschaftlern, man redet und redet“, berichtet K. Erst zwischen ein und zwei Uhr nachts sei er darum wieder zu Hause in Klausbrook gewesen und fand sein Haus hell erleuchtet vor. „Überall brannte Licht und alle Fenster standen offen“, erinnert sich Hermann K. Beim Betreten des Hauses seien ihm als Erstes die leeren Wände aufgefallen. „Mein erster Blick fiel auf das Treppenhaus – dort, wo sonst die Blumengalerie meiner Frau war.“ Der Großteil der Blumen-Bilder, die Hermann K.’s Frau zu Lebzeiten angesammelt hatte, darunter ein Gemälde von Hermann Gottlieb Kricheldorf, war verschwunden. Ebenso wie Ölbilder von namhaften Künstlern wie Carl Hasenpflug, Anselm Feuerbach, Thomas Dessoulavy und Theodor Hildebrandt aus der Zeit zwischen 1763 und 1871, die wenige Stunden zuvor noch im Wohnzimmer hingen.

Erst viel später, als die Kriminalpolizei schon ermittelte, bemerkte K., dass neben den Bildern und einem apulischen Glockenkrater auch der Schmuck seiner verstorbenen Frau aus dem Obergeschoss gestohlen worden war. „Sie müssen überall im Haus gewesen sein, überall waren die Kisten und Schubladen herausgerissen und durchwühlt worden“, erklärt der Bestohlene, der laut eigener Aussage eine Woche benötigte, um das Chaos zu beseitigen. Verwundert habe ihn jedoch, dass die Diebe technische Werte wie die Stereoanlage oder einen Laptop bei ihrem Beutezug ignoriert hatten. Ein Koffer, der sich auf dem Dachboden befand, diente den Räubern dagegen zum Abtransport des Diebesgutes.

Die Diebe sind vermutlich sehr schnell vorgegangen, sagt K. und vermutet Profis hinter der Tat. Und tatsächlich erscheint ein Einbruch in dem dicht bebauten Wohnviertel schier unmöglich. Über ein kleines Fenster im Gäste-WC – nur wenige Meter von der nachbarschaftlichen Haustür entfernt – verschafften sich die Einbrecher Zutritt zum Haus, durch die Terrassentür brachten sie die Beute vermutlich zum Fluchtwagen auf dem rückseitigen Parkplatz. Eine Alarmanlage hinderte sie dabei nicht, denn: „Ich habe keine“, gesteht der Beraubte. „Ich habe mich hier bei der engen Bebauung vollkommen sicher gefühlt – eine Illusion und Leichtsinn.“

Mit etwa 16 Jahren hat Hermann K. ein Buch über die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts geschenkt bekommen. „Das ist zu meinem Sammelgebiet geworden“, erklärt der CAU-Professor. „Die erste Abbildung in dem Buch war ein Werk von Anselm Feuerbach, von dem auch ein Gemälde in meinem Wohnzimmer hing“, sagt K. und fügt in gedämpftem Ton an: „Dessen Diebstahl tut mir besonders weh.“ Die Kunstwerke seien ein Teil seines Lebens gewesen, sagt Hermann K., einige seiner besten wissenschaftlichen Ideen in den vergangenen 30 Jahren habe er nicht am Schreibtisch, sondern in seinem Wohnzimmer beim Blick auf seine Lieblingskünstler gehabt.

3000 Euro hat Hermann K. für Hinweise zur Auffindung der Kunstwerke ausgeschrieben. „Für das Geld hätte ich schon eine gute Alarmanlage bekommen“, sagt er geknickt. Noch laufen die Spurenanalysen der Kripo, zudem setzt Hermann K. auf mögliche Hinweise von Kunsthändlern. Der Schmerz über den Verlust sitzt tief, „aber langsam baue ich mich wieder auf.“ Schmerzhaft sei allerdings nicht der finanzielle Verlust, sagt K., die Kunstwerke seien aber ein Teil seines Lebens – „ein Teil meiner Biografie hat einen erheblichen Riss bekommen.“

* Name redaktionell geändert

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