Kritik an der „Fahrradstadt“ : Critical Mass: Radfahrer protestieren auf den Straßen Kiels

Eine „Critical Mass“-Veranstaltung in Hamburg.
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Eine „Critical Mass“-Veranstaltung in Hamburg. /Archiv

Initiatoren der Critical Mass Kiel meinen: Es ist lächerlich, worauf man hier als „Fahrradstadt“ stolz ist und setzen ihren Protest am Freitag fort.

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26. Januar 2018, 15:13 Uhr

Hunderte Fahrräder säumen die Straßen Kiels, entlang der Kiellinie, der Feldstraße, dem Westring. Musik und lautes Geklingel begleiten den Zug. Aber auch der Ärger vieler Auto- und Busfahrer. Am Freitagabend rollt sie wieder – die Critical Mass (CM). Ein kreativer Protest von Radfahrern, die unter dem Motto „We are not blocking the traffic, we are traffic“ (Wir blockieren den Verkehr nicht, wir sind Verkehr) auf ihre Gleichberechtigung gegenüber motorisierten Fahrzeugen aufmerksam machen wollen.

Immer am letzten Freitag des Monats findet diese scheinbar zufällige, aber geplante Versammlung von Radfahrern statt. Dabei kommt es auch immer wieder zu Konfrontationen mit anderen Verkehrsteilnehmern – wie etwa im August 2017 bei der CM in Hamburg.

Der Aufruf zur Kieler Aktion:

Critical Mass auf der Bergstraße in Kiel:

Hunderte werden es am Abend in Kiel vermutlich nicht sein, bedingt durch das norddeutsche Winterschietwetter, aber laut und vehement wird die Gruppe dennoch ihren Standpunkt vertreten. Grund genug, habe man weiterhin, heißt es von Seiten der Initiatoren auf Anfrage.

„Kiel ist keine Fahrradstadt. Kiel ist eine autogerechte Stadt mit ein paar mehr oder minder guten Radwegen, die aber größtenteils keinen zeitgemäßen Standards entsprechen und erst recht keine zukunftsgerichtete Entwicklung darstellen”, so die Kritik.

Nachdruck erhält diese Sichtweise derzeit durch aufgesprühte Slogans auf verschiedenen Kieler Radwegen, etwa in Gaarden, an der Kaistraße und auch am Westring. „Fahrradstadt Kiel? Was ein Witz!“, heißt es da. Autor unbekannt.

<p>An mehreren Stellen in Kiel findet sich derzeit der Slogan „Fahrradstadt Kiel? Was ein Witz!' – wie hier am Westring. Der Radweg Richtung Uni sei viel zu schmal, lautet eine Kritik. </p>
Foto: Dana Ruhnke

An mehreren Stellen in Kiel findet sich derzeit der Slogan „Fahrradstadt Kiel? Was ein Witz!" – wie hier am Westring. Der Radweg Richtung Uni sei viel zu schmal, lautet eine Kritik.

„Die stammen nicht von uns, aber wir haben uns darüber gefreut“, so ein Unterstützer der Critical Mass. Der Radweg am Westring sei tatsächlich ein Witz. Viel zu schmal angesichts des hohen Fahrradaufkommens durch die Universität. „Es kommt dort häufiger mal zu Kollisionen. Dafür dass es ein Ort ist, wo in Kiel der meiste Radverkehr erzeugt wird, ist der Weg ziemlich lächerlich.“

Kein Einzelfall. Dass es dem Radverkehr in Kiel nicht gut gehe, sehe man am Rückgang des Anteils von 21 auf 17 Prozent, so die Kritiker.

Die Stadt Kiel spricht von 19 Prozent. „Im Januar weniger, im Sommer mehr. Auf dem Ostufer weniger, auf dem Westufer mehr. Das sind täglich umgerechnet rund 166.000 Radfahrten mit etwa 500.000 Kilometern“, so Pressesprecher Arne Ivers gegenüber shz.de. Einen Rückgang könne man nicht bestätigen. Das Programm zur Förderung des Radverkehrs sehe vor, den Radverkehr in der Landeshauptstadt weiter zu entwickeln, das vorhandene Angebot zu verbessern und die Sicherheit für Radfahrer zu erhöhen.

Noch ein langer Weg zur „Aftermass“

Dafür gebe es viele Möglichkeiten, der politische Wille fehle nur bisher, meinen Vertreter der Critical Mass. Stattdessen errichte die Stadt etwa für drei Jahre eine Bushaltestelle an der Kaistraße – eine der Hauptverkehrsverbindungen – mitten durch die Veloroute 1. Fahrradstraßen seien zudem meist vollgestopft mit fahrenden und parkenden Autos, Velorouten weitgehend unbekannt, weil nicht einheitlich gekennzeichnet.

„Es muss mehr breite und geschützte Radfahrspuren geben und auch darüber nachgedacht werden, die vielen mobilitätsfeindlichen Kopfsteinpflasterstraßen zu ersetzen“, lautet ein weiterer Vorwurf. Zwar könne man in Kiel „ganz okay“ Rad fahren. „Der deutsche Maßstab ist ja aber keineswegs ein Gütekritierium. Schaut man in die Niederlande oder nach Kopenhagen, dann ist es lächerlich, worauf man hier als 'Fahrradstad' stolz ist.“

Solange sich nichts ändert, fahre die Critical Mass. „Es gibt Städte, da wurde soviel für gerechte Mobilität getan, dass niemand mehr zur CM kommt, weil die Notwendigkeit nicht mehr besteht.“ Aftermass heiße dieser Zustand.
 

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