Christliche Tugenden und das wahre Leben

Menschliche Gegenpole: Süster Beauvier (Anne Rohde) streut Gerüchte über das unsittliche Verhalten des Gemeindepriesters und Pädagogen Flynn (Markus Laurenat).
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Menschliche Gegenpole: Süster Beauvier (Anne Rohde) streut Gerüchte über das unsittliche Verhalten des Gemeindepriesters und Pädagogen Flynn (Markus Laurenat).

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26. März 2017, 15:45 Uhr

Wer in diesen Tagen die Niederdeutsche Bühne Kiel besucht, sollte kirchenliedfest sein. Und saubere Fingernägel besitzen. Denn der Gemeindepriester Pater Flynn (souverän gespielt von Markus Laurenat) erwartet vom Publikum, einzustimmen in den Psalm „Lobe den Herrn“. Er sorgt sich nicht allein um das geistige Wohlergehen der Eleven an der katholischen Schule. „Vadder Flynn“ ist auch für den Sportunterricht zuständig und fürs anständige Auftreten seiner Schüler.

Und so müssen bei „Twiefel“, der jüngsten Inszenierung, die am Freitagabend Premiere feierte, die Besucher in der ersten Reihe ihre sauberen Hände vorzeigen. Flynn stellt Verbesserungsbedarf fest („Dor is luft na oben“) und sichert sich mit seinem forschen Auftritt gleich zu Beginn die Sympathie der Besucher.

Ganz anders ist es um die verhärmte alte Nonne Beauvier (Anne Rohde) bestellt, die als Schulleiterin übers christliche Dogma wacht und keinerlei Abweichungen von der reinen Lehre gestattet. Lust und Freude sind ihr zuwider, Spaß am Lernen gibt es bei ihr nicht. Anderthalb Stunden lang verzieht „Süster Beauvier“ keine Miene in ihrem strengen Gesicht, denn: „Goode Schoolmasters sünt nee tofreeden.“

Wenn sie denn keine lebensbejahende Frau wäre, die mit „Twiefel“ ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum feiert – Anne Rohde würde man auch die autoritäre Klosterschul-Rektorin abnehmen. So unbarmherzig und gefühlskalt, so unnahbar und menschenverachtend spielt sie die Rolle der Beauvier in dem Stück, das John Patrick Shanley geschrieben und Jürgen Witt ins Plattdeutsche übertragen hat. Man muss sie sehen, wie sie mit stechendem Blick und gestreckten Rücken hinter ihrem dunklen Schreibtisch residiert, dann versteht man, warum Anne Rohde zum verlässlichen Urgestein der Niederdeutschen Bühne gehört.

Zwischen den beiden menschlichen Polen des Stückes agiert die junge „Süster James“. Mit ihrem Herzen fühlt sie sich dem verständnisvollen Flynn verbunden, doch die offene Rebellion gegen das Beauvier-Diktat wagt sie nicht. Tina Kliemann als junge Nonne zaudert, wägt ab, ist unschlüssig. Twiefel, Zweifel, sind ihr auf den Leib geschrieben. Die vierte Rolle in dem Stück übernimmt Heike Börgert als Mutter von Donald – jener Junge, den Flynn missbraucht haben soll. Behauptet jedenfalls die bösartige Schulleiterin . . .

Die Niederdeutsche Bühne sorgt auch im Umfeld für die passende Atmosphäre. Kartenverkäuferin, Programmheft-Verteilerin und sogar die Bedienung am Weintresen sind in die Tracht katholischer Nonnen gehüllt; Lichttechniker Tim Witzel zaubert ein helles Kreuz auf den roten Bühnenvorhang. Die Inszenierung hat es verdient, das oben genannte Kirchenlied auch zu befolgen. In einer der nächsten Zeilen heißt es nämlich: „Kommet zuhauf!“

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