Startup in Kiel : Buchholz auf dem Bambusrad

Wirtschaftsminister Bernd Buchholz probierte als Erstes eines der Räder des Kieler Startups „MyBoo“ an der Holtenauer Straße aus.
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Wirtschaftsminister Bernd Buchholz probierte als Erstes eines der Räder des Kieler Startups „MyBoo“ an der Holtenauer Straße aus.

Der Wirtschaftsminister des Landes zu Besuch bei „MyBoo“ in Kiel. Im Fokus: die Hürden und Freuden der Unternehmensgründung.

shz.de von
16. August 2018, 06:04 Uhr

Bernd Buchholz fackelte nicht lange. Ein kurzes Händeschütteln mit den Geschäftsführern, dann macht Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister unmissverständlich klar: „Na dann muss ich aber auch mal fahren.“ Auf einem Rennrad dreht Buchholz dann seine Runden vor dem Geschäft „MyBoo“ in der Holtenauer Straße. – Nicht unbeeindruckt von dem Fahrradrahmen, der in Gänze aus Bambus gefertigt ist. Gründer und Geschäftsführer Jonas Stolzke und Maximilian Schay hatten Buchholz bereits im Herbst vergangenen Jahres in ihr junges Bambus-Rad-Geschäft eingeladen, um das mittlerweile durchaus erfolgreiche Kieler Unternehmen vorzustellen. Nach einigen Terminfindungsschwierigkeiten hatte der Wirtschaftsminister nun Zeit.

Fragen hatte Bernd Buchholz viele. Die erste so naheliegend wie simpel: Warum ausgerechnet Bambus? „Bambus ist ein leichter, extrem stabiler und schnell nachwachsender Rohstoff, der noch dazu eine natürliche Dämpfung hat“, erklärt Maximilian Schay dem vor dem Ladenschaufenster Kreise radelnden Wirtschaftsminister. „Aber es sind nicht nur die technischen Gründe, primär geht es um Wertschätzung“. Denn die Rahmen fertigen 35 Mitarbeiter in Ghana in 80 Stunden Handarbeit. Beim Rundgang durch das ehemalige Schlecker-Markt-Gebäude vorbei an den zehn Mitarbeitern an Schreibtischen und Schraubstöcken fühlt Buchholz den Unternehmern auf den Zahn. Von der Anzahl der Mitarbeiter, der Produktion, der Kosten, des jährlichen Umsatzes, der Wachstumsprognosen bis hin zum Ausbildungsberuf des Zweiradmechatronikers lässt der Jurist und Volkswirtschaftler kaum eine Facette aus.

Jonas Stolzke und Maximilian Schay berichten ihrem Gast von den Hürden, die sie schon mit ihren ersten Schritten zur Unternehmensgründung nehmen mussten. Die Idee kam den Kieler BWL-Studenten 2012, als sie zum ersten Mal ein in Ghana gefertigtes Fahrrad mit Bambusrahmen sahen. An den Markt gingen sie mit „MyBoo“ jedoch erst im April 2014. „Wir waren 19 und 20“, erzählt Stolzke, „und jeder, dem wir davon erzählt haben, hat geglaubt, dass es funktionieren kann“. Aber eine Finanzierung erhielten sie nicht. Erst, als ein guter Bekannter dem Startup finanziell unter die Arme griff, ging es voran. „Er hat uns 30 000 Euro zur Verfügung gestellt. Das hat uns ein Drittel der Akkreditierung verschafft“, berichtet Maximilian Schay. „Ohne ihn wäre das alles nicht möglich gewesen.“ Für Bernd Buchholz keine große Überraschung. Das Risikokapital und die Bereitschaft zu kalkulatorischen Wagnissen der Banken sei etwa in den USA wesentlich höher als in Deutschland. „Startups haben hier mit zwei Problemen zu kämpfen“, so Buchholz. „Die Finanzierung stellt immer ein großes Problem dar, sofern es sich nicht um ein etabliertes Business handelt.“ Eine weitere, oftmals unterschätzte Hürde der Unternehmensgründer: „Viele, die eine gute Idee haben, kommen nicht aus dem BWL-Studium, sondern brauchen eigentlich jemanden, der ihnen zum Beispiel beim Businessplan hilft.“ So sei es wichtig, betonte der 56-Jährige, Anlaufpunkte zu schaffen. Da sei auch die Politik gefragt.

„Mittlerweile ist das Netzwerk in Kiel sehr gut“, sagt Maximilian Schay. Startup e.V., Starterkitchen und Open Campus seien in den vergangenen Jahren stark gewachsen, erklärt der 27-Jährige. Darum erzählen Schay und Stolzke ihre Geschichte auch an Schulen, um schon früh die Scheu vor dem eigenen Startup zu nehmen. „Ein großer Dank, dass ihr euch als Leuchttürme vor die Schüler stellt“, so Bernd Buchholz. Doch auch die Politik sei in der Pflicht: „Wir müssen uns fragen, wie wir junge Frauen in die Unternehmensgründung kriegen, oder wie wir Startup-Werkstätten zusammenführen und zu einer großen Gründerszene machen können.“

Dass aus einer guten Idee durchaus ein erfolgreiches Unternehmen werden kann, beweisen Jonas Stolzke und Maximilian Schay. Mit drei Standorten – zwei in Kiel und einem in Brunsbüttel – hat das Unternehmen mittlerweile 19 Mitarbeiter. „MyBoo“-Händler gibt es inzwischen in Österreich, Schweiz, Italien, Dänemark, Slowenien, Niederlande und Schweden. Gemeinsam mit dem Partner in Ghana baut „MyBoo“ seit vergangenem Jahr eine Schule für 700 Kinder der Ashanti-Region. 300 Schulstipendien hat „MyBoo“ bereits finanziert.

Abschließend weihten Schay und Stolzke ihren Gast auch in ihre Zukunftspläne ein: „Wir schwenken jetzt zunehmend zu E-Commerce um“, berichtet Jonas Stolzke. Denn: 80 Prozent der Räder laufen über den Direktvertrieb und nur noch 20 Prozent über die stationären Einzelhändler. „Für die Zukunft werden wir wohl mit eigenen Flagship-Stores oder mobilen Teams arbeiten.“ Wirtschaftsminister Bernd Buchholz ist begeistert von dem Kieler Startup: „Es ist toll zu sehen, was ihr daraus gemacht habt.“

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