Tiersicher Versuch : Blökend und flauschig: Die etwas andere Form des Rasenmähers

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Anstelle eines Rasenmähers mit Motorenantrieb fällt die Entscheidung auf Schafe. Einblicke in das Leben eines Schafhalters.

shz.de von
11. Februar 2018, 16:05 Uhr

Alles fing damit an, dass wir uns nicht einigen konnte, ob wir denn nun einen Rasenmäher mit Kreisel- oder lieber einen mit Balkenmessern anschaffen sollten. Ein mit Gartenarbeit vertrauter Kollege des sh:z hatte da seine schlechten Erfahrungen mit ewig stumpfen Messern, ein anderer, der es eigentlich wissen müsste, prophezeite weiter steigende Ölpreise. Und somit kamen wir auf die Schafe. Der beste Rasenmäher, den es gebe, sagten Freunde. Billig, pflegeleicht, und dann die Wolle, was man alles daraus machen könne. Außerdem falle jedes Jahr durch den Verkauf der vielen Lämmer noch eine schöne Nebeneinkunft ab. Einige Leute seien sogar geradezu wild auf möglichst zähen Hammel. Dies und manches mehr wurde uns Ahnungslosen vorgegaukelt.

Natürlich gab es auch warnende Stimmen. Bei zehn Schafen sollte am besten gleich ein jederzeit einsatzbereiter Tierarzt mit verpflichtet werden, und ein Stahlschrank sei der einzig sichere Ort für die stets ausbruchsbereiten Viecher. Es gibt eben immer Leute, die anderen alles miesmachen. Ein Zaun müsste aber wohl wirklich sein, das sahen wir ein: Pfähle, Draht, großer Hammer, fertig. Jedenfalls in der Theorie.

Nun gibt es bekanntlich große und kleine Zäune. Bei zwei Hauskoppeln von jeweils 2500 Quadratmetern, das könne eigentlich nicht schlimm werden – hatten wir leichtsinnigerweise gedacht. Nach einem Monat schweißtreibender Arbeit waren wir da ganz anderer Meinung.

Vorbereitungen für die neuen Familienmitglieder

Bald 2000 Euro, den Preis von vier sehr guten Rasenmähern, hatte alles gekostet, trotz Do it yourself. Dafür hätte uns wahrscheinlich selbst Verpackungskünstler Christo einen Zaun gezogen. Wenn auch nicht mit ungarischen Akazien-Pfählen. Aber die Hausfrau, die stets einen Hang zur Qualität hat, meinte bei der Pfahlwahl, es sollte doch gerne etwas Gediegenes und fürs Leben sein. Die normalen Eichenspaltpfähle, wie sie auf Kuhweiden Verwendung finden, sind für zierliche Schafe doch wohl wirklich etwas grob.

Ja, und nachdem wir auch noch für 600 Euro Baumaterial zwei Ställe errichtet hatten, kam der Tag des feierlichen Einzugs der neuen Familienmitglieder. Er begann zunächst mit einem Schock. Zwei offensichtlich wohlgenährte wollige Schafmütter hatten wir nach sorgfältigem Abwägen bei einem als zuverlässig eingestuften Bauern ausgesucht, doch welche Elendsgestalten standen nun jämmerlich blökend im hohen Gras hinter dem prachtvollen Zaun. Damit hatten wir schon einmal gelernt: Nicht nur Kleider machen Leute, auch Wolle macht erst ein Schaf. Frisch geschoren aber sehen sie aus wie verschrumpelte Reittiere, die E.T., der Außerirdische, aus dem Weltall mitgebracht hat.

Ein ungewohnter Geruch

Bei dem Verwandtenbesuch am gleichen Nachmittag wollten wir eigentlich erst nach dem Kaffee eher betont beiläufig erwähnen, dass wir nun ja unter die Schafzüchter gegangen seien; doch das Geheimnis musste notgedrungen schon eher gelüftet werden. Im wahrsten Sinn des Wortes: „Was riecht denn hier eigentlich so komisch scharf?“, fragte jemand naserümpfend bereits bei der Begrüßung, und um keinen anderen in Verdacht geraten zu lassen, legten wir ein vorzeitiges, aber umfassendes Geständnis ab.

Kein leiblicher Nachwuchs hätte in diesem Augenblick für größere Turbulenz sorgen können. „Richtige Schafe?“, wollte eine aufs Hinterfragen spezialisierte Tante ergänzend wissen, und nachdem wir durch Einzelheiten wie Kosten, Farbe und Geschlecht alle Zweifel am Wahrheitsgehalt der sensationellen Familiennachricht ausgeräumt hatten, gehörte uns der Mittelpunkt des Treffens.

Geradezu mühelos verdrängten zwei kahlgeschorene Schafe die bei Zusammenkünften dieser Art schon vielfach erzählten und immer wieder aufs Neue durch unbekannte Details angereicherten Geschichten aus der guten alten Zeit. „Kinder, Kinder, hoffentlich übernehmt ihr euch damit nicht“, ließ warnend der stets auf Sicherheit bedachte Onkel wissen.

„Ach was, sie sind ja noch jung“, und gemeint waren wir, stand uns ein Vertreter der mobileren jüngeren Generation bei. Und dann hagelte es natürlich von allen Seiten gute Ratschläge, was dazu führte, dass bis zum Abendbrot nicht nur jeder gereizte Wortwechsel darüber ausblieb, ob das bei der Flucht vor den Russen zurückgelassene Silberbesteck ein Paten- oder ein Geburtstagsgeschenk war und ob bei der bevorstehenden Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 der abkassierte Lastenausgleich zurückgezahlt werden muss. Noch nie zuvor waren sich beim Abschied so viele Familienmitglieder darüber einig, dass es diesmal ein „wirklich netter“ Nachmittag gewesen sei.

Schafe als Gesprächseinstieg auf Partys

Schafhaltung ist überhaupt ein höchst empfehlenswertes Mittel gegen chronische Kontaktarmut. Wer stets seine liebe Mühe hat, auf der Stehparty oder beim Tanz sein Gegenüber in ein anregendes Gespräch zu verwickeln, der wird voller Verwunderung erkennen, wie sehr alle Leute an Schafen interessiert sind.

Wenn ich früher in ähnlicher Situation durchaus brandaktuelle, teilweise sogar brisante Informationen über diesen oder jenen Politiker anbot, die Aufmerksamkeit ließ selbst bei der schönsten Pikanterie erstaunlich schnell nach. Von Schafen aber können dieselben Leute offenbar nicht genug erfahren. Und das Angenehme dabei ist, dass man über echtes Herrschaftswissen verfügt und folglich sehr schnell als Experte anerkannt und geschätzt wird. Fast hat es den Anschein, als seien die Gesprächspartner geradezu froh, sich endlich einmal sachkundig über ein Thema unterhalten zu können, das nicht kontrovers, nicht mit ständigem Widerspruch, sondern mit klaren Fronten zwischen sicher Wissendem und Nichtwissendem abgehandelt werden kann.

Wie lange Schafe denn tragend seien, gehört beispielsweise zum Katalog der Standardfragen. Die Antwort „fünf Monate“ erweckt immer wieder größte Begeisterung. Die allermeisten hatten „auf viel mehr“ getippt, einige allerdings auch auf weniger. Und ob das dann, wenn es soweit sei, alles ganz alleine gehe, schließt sich in der Regel bei dieser verspäteten Form der Aufklärung als nächste Frage an. „Ja, ja, beim ersten Mal war es auch bei mir nicht leicht, der Peter war gleich ein kleiner Dickkopf“, erinnert sich bei dieser Gelegenheit mit ein wenig Sehnsucht in der Stimme die eine oder andere reife Dame, der man so etwas eigentlich nicht zugetraut hätte.

Die Vorstufen hinterfragt übrigens nie jemand. Das offenbar aus frühen Kindertagen bekannte Beispiel von den Bienen wird somit offensichtlich stets in richtiger Kombination fortgeschrieben.

Bei weiblichen Fragestellern werden zuweilen meine durchaus sachlich-nüchternen Antworten von spitzen Schreien der Begeisterung begleitet. Aus der Herrengruppe in Hörweite empfängt man dann schon einmal einen zwinkernden Blick der Verständigung, sozusagen von Schwerenöter zu Schwerenöter. Der Nachbar wäre gewiss enttäuscht, würde er genauer hinhören und dabei erfahren, dass die vermeintlichen Gespräche der lockeren Art wirklich nur ernsthafte Berichte über die mühsame Verarbeitung von Wolle aus eigener Schafzucht sind.

Will es ein günstiger Zufall, dass der Erzähler den aus heimischer Gras-Veredelung produzierten Pullover gerade trägt, der vorangegangenen Bewunderung schließt sich ein zärtliches Zupfen und Streicheln an, das allen Ärger mit den widerspenstigen Wollerzeugern vergessen lässt.

Doch mit diesen Abschweifungen haben wir bereits einen wichtigen Aspekt der sozialen Komponente der Schafzucht vorweggenommen. Die Vorstufe dieses öffentlichen Glanzes bleibt der Schafhalter-Alltag. Zugegeben, er hat auch seine Reize, jedenfalls solange die Sonne scheint, das Gras wächst und die lebenden Rasenmäher sich intensiv dem Fressen widmen.

Kein Gras im Winter – gibt es Heu?

Eines Tages aber ist das Gras weg, der Himmel öffnet seine herbstlichen Regenschleusen, eine Handvoll übergroßer Pudel steht begossen auf morastigem Acker und schreit höchst unzufrieden nach Futter. Vorher war uns eigentlich noch nie so recht aufgefallen, dass im Winter kein Gras wächst. Wo man Wurst, Brot und Gemüse kauft, das weiß jeder. Aber wo kauft man Heu? Beim Bauern natürlich. Schüchterne Anfragen bei zwei, drei Hofstellen lassen allerdings die Vermutung zu, Goldbarren und Heuballen könnten etwa den gleichen Wert haben. Nein, man könne leider nichts abgeben. Nein, Heu verkaufe man grundsätzlich nicht. Bis schließlich eine Anzeige einen Verkaufswilligen verrät.

Nachdem er beim Anblick des Fremden zunächst misstrauisch zu überlegen schien, ob er erst den Kettenhund holen oder doch lieber die Bäuerin in Sicherheit bringen sollte, hellte sich die Miene auf, als sich ein Geschäft andeutete. Erstaunlich, wie schnell der Landmann erkannte, dass ich zum ersten Mal auf Heukauf war.

Er habe da etwas ganz Vorzügliches, sprach er und führte mich in die dunkelste Ecke der kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Scheune. Was ich zunächst auch vom Gewicht her als Betonklötze angesehen hatte, das stellte sich bei Tageslicht dann doch als Heuballen heraus. Vielleicht ist es mit Heu ebenso wie mit Wein, der ja auch erst nach längerer Lagerung so richtig geschmackvoll wird, dachte ich mir und lud sechs Ballen in den Fiat-Panda-Kleinwagen. An den dritten und vierten Gang kam ich danach zwar nicht mehr heran, aber diese Behinderung glich sich dadurch aus, dass auch die Sicht auf die Hälfte reduziert wurde.

Dass der Vergleich mit dem Wein fehl am Platz war, das stellte sich sehr schnell heraus. Erst als sie ganz kurz vor dem Hungertod standen, schlugen die Schafe ihre Zähne mit sichtbarem Widerwillen in die Heuklötze. Vielleicht ist es Einbildung, aber ich habe seither noch nie jemanden mit ähnlicher Verachtung kauen sehen, und das Sprichwort „lange Zähne machen“ muss von einem ähnlichen Vorfall herrühren.

Dabei sind Schafe ansonsten durchaus genügsame Futterverwerter, und wer einen großen Bekanntenkreis hat, der bekommt sie fast kostenlos durch den Winter. Allerdings auf Kosten der ansonsten anfallenden kleinen Geschenke. Denn brachte der Besuch in unserer Vor-Schafzeit ein duftendes Blümchen oder eine wohlschmeckende Aufmerksamkeit mit, sind es jetzt vorwiegend große, gefüllte und übelriechende Plastiktüten.

Sie enthalten einen Querschnitt durch die Mahlzeiten der vorangegangenen Wochen und werden dennoch als hochgeschätztes Mitbringsel gewürdigt. Bleibt der Besuch allerdings aus, muss teures Kraftfutter gekauft werden. Mittlerweile haben wir sogar schon den Verdacht, dass sich ein Teil unseres Bekannten- und Verwandtenkreises beim Einkauf für die eigenen Mahlzeiten nicht mehr so sehr nach dem eigenen Geschmack richtet, sondern vorwiegend danach, ob anfallende Schalen oder andere Reste wohl unseren Schafen munden könnten.

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