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Drittligist Holstein Kiel : Blinde Fußball-Fans: Hör-Spiel im Holstein-Stadion

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ehrenamtliche Reporter ermöglichen blinden Fußballfans ein besonderes Stadionerlebnis beim Drittligisten.

shz.de von
erstellt am 04.Mär.2015 | 17:28 Uhr

Kiel | Niels Luithardt ist leidenschaftlicher Anhänger von Holstein Kiel, und das ist leicht zu erkennen. Er trägt Fanschal und Fanmütze des Fußball-Drittligisten, er spricht die Namen der Spieler bei der Vorstellung mit, und als die Vereinshymne „Kieler Störche“ ertönt, singt er leise mit. Es ist Freitagabend, Flutlicht, es riecht nach Bratwurst und Bier, Kiel empfängt Rot-Weiß Erfurt zum Spitzenspiel im Holstein-Stadion. Die 2. Minute läuft, „Störche“-Angreifer Manuel Schäffler schießt aus 20 Metern, der Ball geht klar am Tor vorbei, aber es war die erste nennenswerte Offensivaktion. Niels Luithardt klatscht Beifall, viele andere Holstein-Fans auch. Im Gegensatz zu ihnen hat Niels Luithardt die Szene aber nicht gesehen. Er ist blind. Was auf dem Rasen passiert ist, weiß er nur, weil er einen Kopfhörer trägt, über den er die Schilderungen von zwei Blindenreportern verfolgt.

In der 1. Bundesliga sind Blindenreporter in den Stadien Standard (siehe Infokasten). In Kiel ist das Projekt Neuland, das Erfurt-Spiel ist erst der zweite Einsatz. „Wir hatten einige Anfragen von Blinden, deshalb haben wir den Service eingerichtet“, sagt Holstein-Geschäftsführer Wolfgang Schwenke. „Ich finde, dass es zu unserer Verantwortung als Proficlub gehört, diesen Fans etwas zurückzugeben und ihnen eine Freude zu bereiten.“ Holstein investierte 5000 Euro in die technische Ausrüstung, kaufte Sendeanlage, Mikrofone und Kopfhörer. Zudem verpflichtet sich der Verein, zu jedem Heimspiel Plätze für maximal sechs Blinde, deren Begleitpersonen und die Reporter zur Verfügung zu stellen.

Den Rest übernimmt der Kooperationspartner, das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Auf einen Aufruf meldeten sich mehr als 20 Interessierte, die ehrenamtlich Blindenreporter werden wollten. Die zehn, die am geeignetsten erschienen, zählen nun zum Team und wurden professionell geschult. „Der Jüngste ist 16, der Älteste 60. Es ist eine tolle, bunt gemischte Gruppe“, berichtet DRK-Projektkoordinatorin Hannelore Finck. „Wir haben Schüler, Studenten, aber zum Beispiel auch einen Krankenpfleger und einen Rechtsanwalt.“ Fincks Credo: „Wir sind Dienstleister, die Qualität der Reportagen ist uns wichtig.“

„Es läuft die 21. Minute, Tim Siedschlag bringt die Ecke von der rechten Seite in den Strafraum, Getümmel, Hauke Wahl – er murmelt den Ball mit dem Kopf rein, Tooooor für Holstein, 1:0“, tönt es aus dem Kopfhörer. Niels Luithardt ballt die Fäuste und schlägt sich vor Freude auf die Oberschenkel.

Heute, gegen Erfurt, machen insgesamt drei Blinde von dem neuen Angebot Gebrauch. Zehn Euro zahlen sie pro Spiel und Karte, die Begleitpersonen erhalten freien Eintritt. „Es ist für mich ein ganz anderes Stadionerlebnis“, sagt Niels Luithardt. Er ist 31 Jahre alt und studiert Physik und Mathematik an der Uni Kiel. Als es die Blindenreporter noch nicht gab, ist er „drei, vier Mal pro Saison“ zu Holstein gegangen. Dann hat stets sein Vater Jens, der ihn auch heute begleitet, versucht, ihm das Geschehen zu schildern. „Aber das war natürlich etwas anderes als jetzt mit zwei Reportern“, sagt Niels Luithardt, der mit einer Sehbehinderung zur Welt kam und im Jahr 2010 komplett erblindete.

Im Stadion macht sich Nervosität breit, Erfurt ist kurz nach der Pause der Ausgleich gelungen. Doch dann der nächste Kieler Paukenschlag: „Rafael Kazior, zehn Meter vor dem Erfurter Gehäuse, halblinke Position, er nimmt den Ball volley und haut das Ding rein – ein tolles Tor, ein Tor des Monats!“

Die, die das Hör-Spiel für Niels Luithardt und Co. ermöglichen, sitzen eine Reihe vor den Blinden. Andreas Schlisske, 56 Jahre alt, Anwalt, und Albrecht von Felbert, 52, Immobiliensachverständiger, sind heute die Reporter. „Ich interessiere mich für Fußball, und ich kann hier etwas Gutes für andere tun – dieses Ehrenamt kam für mich wie gerufen“, erzählt von Felbert in der Halbzeit, als er und sein Kollege kurz durchschnaufen. Beide haben sich nach Feierabend auf das Spiel vorbereitet, Daten, Fakten, Namen gepaukt. Dennoch ist die 90-Minuten-Reportage eine Herausforderung. Von Felbert: „Es ist schwierig. Man muss sich ständig daran erinnern, das Geschehen so exakt wie möglich zu verorten, damit die Blinden dem Spiel folgen können.“

Niels Luithardt jedenfalls gefällt es. Immer wieder bringen die Reporter ihn zum Schmunzeln („Jetzt ist Patrick Herrmann am Ball, Holsteins kleiner, giftiger Glatzkopf“). Immer wieder ziehen sie ihn und die anderen Blinden mit ihren Schilderungen hinein ins Geschehen. Zwar sitzt nicht jedes Wort perfekt, die Reporter sind Anfänger, keine Profis. Aber ihre Freude und ihre Leidenschaft wirken ansteckend.

Die Klasseleistung der Holstein-Elf tut ihr Übriges. Es steht inzwischen 3:1, doch Holstein stürmt weiter – und wird kurz vor Schluss mit dem 4:1 durch Marc Heider belohnt. „Was für ein geiles Spiel“, brüllt von Felbert ins Mikro. Niels Luithardt lächelt selig, dann sagt er: „Ich bin sehr glücklich.“

Dass er nur sporadisch die Heimspiele besucht, soll der Vergangenheit angehören. In Zukunft will Niels Luithardt mit seinem Vater jedes Mal dabei sein, wenn die „Störche“ antreten. Dass das Blindenreporter-Projekt wieder eingestellt wird, muss er nicht fürchten. „Das Ganze ist auf Nachhaltigkeit ausgelegt“, versichert DRK-Koordinatorin Finck, „wir wollen lange am Ball bleiben.“

Das nächste Mal schon am Sonnabend, wenn Kiel im Holstein-Stadion den VfL Osnabrück empfängt. Niels Luithardt wird da sein. Er wird wieder oben links sitzen, am Rand der Haupttribüne. Aber dennoch mittendrin.

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