Neues Buch : Bildschätze aus schlechten Jahren

Barfuß unterwegs: Der junge Papiersammler kramt in Müllkörben auf dem Kieler Hauptbahnhof herum. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1952.
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Barfuß unterwegs: Der junge Papiersammler kramt in Müllkörben auf dem Kieler Hauptbahnhof herum. Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1952.

„Kiel im Zeitalter der Weltkriege“: Der Historiker Jürgen Jensen hat für sein jüngstes Buch erstaunliche Fotografien entdeckt. Er deckt den Zeitraum bis zum Wiederaufbau Mitte der 50er-Jahre ab.

shz.de von
17. Januar 2018, 10:43 Uhr

Es trifft zu, was der Vorsitzende der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Jürgen Jensen, im Vorwort seines neuen Buches schreibt: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.“ Gleich 650 Fotografien enthält sein gerade erschienenes Buch über die Landeshauptstadt im Zeitalter der Weltkriege. Es ist eine in Umfang und Inhalt imponierende Veröffentlichung, die uneingeschränktes Lob verdient.

Es gibt bereits eine ganze Reihe von Bild- und Textbänden über Kiel, die einzelne Aspekte der aufregenden und wechselvollen Geschichte der Fördestadt behandeln. Sie befassen sich mit der Revolution von 1918, den Jahren der Kaiserzeit, der NS-Gewaltherrschaft, dem Niedergang und dem Neubeginn. All dies hat Jürgen Jensen nun zusammengefasst. Jedem Kapitel ist ein verständlich geschriebener Text vorangestellt. Der erste befasst sich mit Kiel während des Ersten Weltkriegs, der letzte mit der Kieler Woche des Jahres 1955. Ausgefüllt wird dieser historische Bogen mit Fotografien, wie sie in Umfang und Qualität noch nie zusammengetragen wurden.

Als langjähriger Leiter des Stadtmuseums und des Archivs wusste Jürgen Jensen, wo Bildschätze zu heben waren. Seine vielfältigen Beziehungen haben ihm auch private Fotoalben geöffnet. Das Ergebnis gibt anschaulichen Einblick in alle Lebensbereiche der Stadt, und man kann davon ausgehen, dass die Verhältnisse im ganzen Land, ja sogar im gesamten Bundesgebiet ähnlich waren.

Da Kiel nach Gründung des Deutschen Reiches in den zweifelhaften Rang eines Reichskriegshafens befördert wurde, spielen Marine und Schiffbau bei der bildlichen Darstellung eine wichtige Rolle. Mehrere Aufnahmen zeigen das harte Arbeitsleben auf den Werften. Schon äußerlich furchteinflößende Stahlgiganten laufen unter Jubel vom Stapel, oft in Gegenwart des Kaisers. Einige Jahre später ragen sie als Wracks aus der Förde, und die einst Jubelnden irren durch die weitgehend zerstörte Stadt. An den Stellen stolzer Bürgerhäuser stehen nun Nissenhütten. Die gerade noch feixend vor der Kamera posierenden „alten Kameraden“ sind verschwunden.

Fotografisch gut dokumentiert ist auch der Wiederaufbau. Erstaunlich schnell erwacht neues kulturelles Leben. An der Theaterkasse wird statt mit Reichsmark mit Holz und Briketts bezahlt, Studenten erhalten „Buden“ auf Schiffen, die am Fördeufer festgemacht haben. 1948 findet die erste Kieler Woche statt, lockt in den folgenden Jahren Prominenz in die Stadt und liefert den Fotografen reichlich Motive. Bundespräsident Theodor Heuss kommt 1950, fünf Jahre später sogar das in Bonn akkreditierte Diplomatische Korps. Kiel war in Deutschland wieder eine erste Adresse.
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> Jürgen Jensen: „Kiel im Zeitalter der Weltkriege“, Husum Verlag, 568 Seiten, gebunden, 39,95 Euro; ISBN: 97 83 89 87 68 740

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