Kieler UmschlaG : Bier anstechen und die Büx hissen

So ist es von jeher: Asmus Bremer und Gattin Katharina entleeren nach dem Wecken im Warleberger Hof ihre „Mitternachtsvasen“.
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So ist es von jeher: Asmus Bremer und Gattin Katharina entleeren nach dem Wecken im Warleberger Hof ihre „Mitternachtsvasen“.

Mit dem Weckruf für Asmus Bremer und seine Gattin Katharina startete gestern Abend der Kieler Umschlag. Heute folgt der Empfang im Rathaus, am Sonnabend gibt es eine Lesung op Platt – und am Sonntag haben die Geschäfte geöffnet. Wie einst auf dem historischen Markt.

shz.de von
02. März 2017, 18:52 Uhr

Das Spektakel hat begonnen: Unter deutlich stärkerem öffentlichen Zuspruch als in den Vorjahren hat gestern Abend der Kieler Umschlag Fahrt aufgenommen. Beim Wecken im Warleberger Hof – einem der ältesten Gebäude in der Stadt – öffneten Asmus Bremer und seine Gemahlin Katharina die Fenster. Getreu den mittelalterlichen Gepflogenheiten schütteten die beiden historischen Figuren als erstes ihre „Mitternachtsvasen“ auf die Straße. Nur dass sich aktuell Bonbons über die Zuschauer ergossen.

Anschließend zog der Tross unter Gejohle auf den benachbarten Alten Markt. Denn mit dem ersten Fass Umschlag-Bier der Kieler Brauerei, das angestochen wird, und dem Hissen der „Büx“ von Asmus Bremer an der Nikolaikirche ist der Umschlag, der auf ein altes traditionelles Marktfest zurückgeht, offiziell eröffnet (siehe weiter unten). Im Gefolge von Asmus Bremer befand sich erstmals seit Langem wieder ein Polizist mit Pickelhaube und auch ein Pastor. Die Bemühungen um die Rettung des vor Jahren bereits totgesagten Kieler Umschlags tragen Früchte.

Heute steht der Empfang im Rathaus an. Um 13 Uhr erwartet Stadtpräsident Hans-Werner Tovar um 13 Uhr in der Rotunde im 2. Obergeschoss den Altbürgermeister und seinen Tross. Musik schallt durch das Rathaus, und die Gäste können sich am Umschlag-Bier erfreuen. Nach guter Tradition liest am Umschlag-Sonnabend, 4. März, um 16 Uhr Pastor Eckart Ehlers aus Schönkirchen op Platt im Warleberger Hof – bei freiem Eintritt.

Einen Tag später ist in Kiel von 13 bis 18 Uhr ein verkaufsoffener Sonntag angesetzt – so wie einst auf dem historischen Markt Geschäfte abgeschlossen wurden. Am Abend wird dann die „Büx“ wieder ein geholt – und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer verabschiedet Asmus und Katharina Bremer um 19 Uhr im Warleberger Hof zum langen Schlaf – bis zum nächsten Jahr.

HISTORISCHE WURZELN: Der heutige Kieler Umschlag geht auf den gleichnamigen mittelalterlichen Freimarkt zurück, der seit 1431 jährlich stattfand. Anfangs wurde er im November veranstaltet, ab 1473 dann im Januar. Der Markt wurde jedes Jahr mit dem Hissen der Stadtflagge am Turm der Nikolaikirche eröffnet. Die „Fahne“ war damals noch ein rot gestrichenes Eisenschild mit dem Wappen der Stadt. Sie war Zeichen der Marktfreiheit, wurde im norddeutschen Volksmund aber respektlos als „Bürgermeester sin Büx“ bezeichnet. Der Umschlag gewann an Bedeutung. So trafen sich zu diesem Termin die adeligen Grundbesitzer sowie Kaufleute und ihre Anwälte aus Hamburg und Lübeck, um alle fälligen Geldgeschäfte abzuwickeln. Es wurden Schulden zurückgezahlt und neue Kredite aufgenommen. Verhandelt wurde auf dem Alten Markt, in den öffentlichen Räumen des Rathauses sowie in der Kirche selbst. Neben den Geldgeschäften lockten Vergnügungsangebote das Volk in die Stadt. Gaukler, Seiltänzer, Schausteller und Komödianten sorgten für Belustigung. Gläubigern war es erlaubt, von zahlungsunfähigen Schuldnern sogenannte „Schandgemälde“ – Karikaturen des Schuldners – anzufertigen und öffentlich auszuhändigen. Zudem erwartete den Schuldner eine Haftstrafe, das „Einlager“.

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