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Prozess : Bewährungsstrafe für Hotel-Betrüger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein 32-jähriger Suchtkranker zahlte Übernachtungen in Kiel und Molfsee nicht - jetzt wurde er verteilt.

shz.de von
erstellt am 12.Okt.2013 | 08:00 Uhr

Kiel | Er war obdachlos, alkoholabhängig und süchtig nach Cannabis. Um nicht auf der Straße schlafen zu müssen, kam der heute 32-jährige Michael P. (Name geändert) auf eine naive wie dreiste, vielleicht verzweifelte Idee: Er mietete sich in teils renommierten Hotels in der Landeshauptstadt und im benachbarten Molfsee ein – und blieb ein paar Tage, ohne zu bezahlen. Außerdem ließ er einen Fernseher mitgehen, stahl einer Angestellten die Kreditkarte und ging damit auf Einkaufstour. Wegen gewerbsmäßigen Betrugs und Diebstahls in 16 Fällen musste sich der gebürtige Berliner gestern vor dem Kieler Amtsgericht verantworten. Weil er gestand und seine Süchte bekämpfen will, zeigte sich der Richter milde: Er verhängte eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren auf Bewährung. Und wies darauf hin, dass manche Hotels es dem jungen Mann „recht leicht gemacht“ hätten, weil sie dessen fadenscheinige Ausreden nicht hinterfragten.

Laut Anklage hatte Michael P. in einem Zeitraum von 15 Tagen im August 2011 in fünf Hotels eingecheckt, wohl wissend, die Übernachtungen nicht bezahlen zu können. Immer ging er nach derselben Masche vor. „Ich habe meine Versichertenkarte vorgelegt, vorgeschoben, dass jemand kommt und bezahlt“, sagte Michael P. aus. Mal sollte angeblich die Mutter, mal der erfundene Chef für die Kosten aufkommen. Einen Ausweis besaß P. nicht. Die meisten Hotels glaubten ihm dennoch. Auch der junge Mann gab zu: „ Ich war sehr überzeugend. Ich sah ja nicht total verwildert aus.“

Auf diese Weise konnte der Angeklagte seine Aufenthalte sogar verlängern. Danach verließ Michael P. die Häuser laut Anklage „fluchtartig“, ohne die Kosten zu begleichen. Dem ersten Hotel entstand ein Schaden von 252 Euro, dem nächsten fehlten 96 Euro in der Kasse. Ein anderes Hotel hätte 287 Euro bekommen sollen. Im nächsten Hotel baute er auch den Fernseher aus, tauschte ihn gegen 40 Euro im nächsten An- und Verkaufs-Shop ein. Im letzten Fall wollte die Dame an der Rezeption die Ausreden nicht akzeptieren, ließ ihn jedoch kurz allein. Die Gelegenheit nutzte Michael P., um die Kreditkarte aus ihrer Handtasche zu klauen. Laut Anklage kaufte er mit der Karte an Tankstellen ein: Gut 250 Schachteln Zigaretten wanderten in seine Tasche. Insgesamt entstand ein Schaden im Wert von rund 1900 Euro.

Noch während der Verhandlung verständigte sich das Gericht mit Anklage und Verteidigung auf eine Freiheitsstrafe von maximal einem Jahr und neun Monaten. Mit dem Urteil entsprach der Richter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Verteidiger hatte auf eine Strafe von einem Jahr und vier Monaten plädiert. In einem Punkt waren sich alle Beteiligten einig: Der Angeklagte hatte sie nicht nur mit seinem glaubhaften Geständnis überzeugt, sondern auch auf „bemerkenswerte“ (Staatsanwaltschaft) Weise seinen schwierigen Lebensweg beschrieben, ohne die Schuld für seine Taten bei anderen zu suchen. Unsentimental hatte der junge Mann auf Nachfrage geschildert, wie eine von Gewalt geprägte Kindheit, ein alkoholabhängiger Vater und falsche Freunde ihn als Heranwachsender schleichend in Depression und Sucht hatten treiben lassen. Zehn Jahre lang war ihm sein Leben entglitten. So hatte Michael P., bedingt durch die Drogen, Lehren und Jobs angefangen und abgebrochen sowie Beziehungen erlebt, die wieder in die Brüche gingen. Zahlreiche Entgiftungsversuche und Therapien endeten in Rückfällen. Er gab sich selbst auf, wurde obdachlos. Zurzeit wartet er in einer christlichen Einrichtung in Hannover auf eine erneute Therapie: „Auch wenn ich mit dem Glauben kämpfe, hat alles schon eine Spur in mir hinterlassen.“

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