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Umfrage unter Experten : Bettler vor Weihnachten: Ist es herzlos, nichts zu geben?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Frage, die jeder selbst beantworten muss. Die meisten Experten empfehlen eine Spende an Hilfsorganisationen.

shz.de von
erstellt am 19.Dez.2016 | 17:00 Uhr

Sie liegen über Lüftungsschächten, sitzen in Fußgängerzonen, stehen vor Geschäften: Vor Weihnachten nimmt die Zahl der Bettler zu, darunter auch viele „Profis“. Bürger fragen sich: Soll ich all diesen Bettlern Geld geben? Hilft das wirklich? Vier Experten geben Rat.

Jo Tein, im Vorstand Straßenmagazin „Hempels“

Ausgezeichnet: Jo Tein mit dem Markenzeichen des Vereins Hempels: Das Straßenmagazin hat eine Auflage von 25.000 Stück.
Ausgezeichnet: Jo Tein mit dem Markenzeichen des Vereins Hempels: Das Straßenmagazin hat eine Auflage von 25.000 Stück. Foto: Michael Staudt

„Wenn Menschen ,Sitzung machen‘ – so der Szeneausdruck für das Betteln auf öffentlichen Straßen und Plätzen – sollten Sie bedenken, dass bei Weitem nicht alle Notlagen durch staatliche Hilfen abgefedert werden. Auch in Deutschland gibt es Armut. In den vergangenen Jahren ist die Schere zwischen reich und arm immer weiter aufgegangen, die Zahl der Menschen in sozialer Not nimmt zu. Sprechen Sie die Hilfesuchenden im Zweifelsfalle an und machen sich selbst ein Bild. Wenn das Bauchgefühl sagt, da stimmt was nicht, dann sollte man dem Bauchgefühl folgen.

Ganz sicher gehen Sie mit Ihrer Hilfe, wenn Sie ein soziales und gemeinnütziges Straßenmagazin wie ,Hempels‘ und seine Verkäuferinnen und Verkäufer unterstützen. Das Straßenmagazin ist Hilfe zur Selbsthilfe. Hier geht es nicht ums Betteln, der Käufer erhält eine Leistung, beim Verkäufer bleibt ein wenig Geld in der Tasche. Hier ist jeder Euro gut angelegt und hilft direkt.“

Gerwin Stöcken, Sozialdezernent der Stadt Kiel

Gerwin Stöcken
Gerwin Stöcken Foto: sh:z
 

„In Kiel muss niemand betteln. Wenn der Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestritten werden kann, hat jeder Bürger Anspruch auf Grundsicherung. Die Menschen, die auf der Straße um Geld bitten, können ihren Anspruch im Jobcenter oder Sozialamt geltend machen. Dort wird auch sehr kurzfristig geholfen. Wer zum Beispiel kein Geld mehr hat, um nach Hause zu fahren, bekommt auch eine Unterstützung für seinen Heimweg, wenn die Bedürftigkeit nachgewiesen ist. Um diese Hilfe muss man nicht betteln.

Menschen mit einer Suchterkrankung kommen häufig mit der Grundsicherung nicht aus und versuchen, ihre Sucht auch durch Betteln zu finanzieren. Ihnen Geld zu geben kann zwar das eigene Gewissen beruhigen, ist aber keine wirkliche Hilfe.

Manche Menschen werden auch organisiert zum Betteln geschickt. Sie müssen all ihre Einnahmen an ‚Hintermänner‘ abgeben. Ihnen Geld zu geben führt meistens nicht dazu, dass ihnen geholfen wird. Menschen, die mit Musik oder Kleinkunst um eine Spende bitten, finanzieren damit oft ihren Lebensunterhalt oder eine Reise. Wem es gefällt, darf ihnen gerne etwas geben.“


DRK-Präsident Georg Gorrissen

Georg Gorrissen
Georg Gorrissen Foto: sh:z
 

„Erkundigt man sich bei Leuten, die professionell mit diesem Thema zu tun haben, hört man überwiegend, man solle Bettlern generell nichts geben. Auf diese Weise Geld zu erhalten führe dazu, dass die Empfänger weiter in die Passivität und an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden statt wieder integriert. Zudem verweisen die Experten meist auf die Angebote der staatlichen Stellen oder organisierter Hilfsdienste, die dann auch diejenigen erreichen, die nicht betteln. Besser sei es, an Organisationen zu spenden, die die Hilfe den Bedürftigen effektiv zukommen lassen.

Als Christ halte ich es aber auch mit der Äußerung Jesu in Matthäus 25, 40: ,Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan!‘ Das heißt sicher nicht, dass wir jederzeit und immer etwas geben müssen. Jesus selbst hat sich immer wieder die Freiheit genommen, selbst zu entscheiden, wann und wie er Menschen geholfen hat, er ließ sich von der Situation berühren. Das ist auch für mich ein Maßstab. Ich kann nicht in jeder Situation des Vorbeigehens auf die Schnelle entscheiden, wer wirklich bedürftig ist oder wer dort ,nur‘ schnell zu Geld kommen möchte. Insofern kann ich mich nur von meiner Intuition leiten lassen. Falls ich der Meinung bin, ich möchte diesem konkreten Menschen helfen, leiste ich diesem Impuls Folge.“

Landespastor Heiko Naß

Setzen sich für die Förderung behinderter Jugendlicher ein: Landespastor Heiko Naß und die Beauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele.
Heiko Naß Foto: Becker
 

„Keiner bettelt bei Kälte und Regen auf der Straße, wenn er es nicht nötig hat. Betteln ist ein sichtbares Zeichen von Armut, die wir ernst nehmen müssen, vor allem, weil sie in unserem Land zunimmt. Letztlich muss jeder aber selbst entscheiden, ob er zu einer Spende bereit ist oder nicht. Das hängt von der Situation ab und ob man sich anrühren lässt. Wir als Diakonie helfen Menschen in Not mit ganz unterschiedlichen Angeboten – mit Beratung, Notunterkünften und Sozialarbeit. Dabei geht es immer auch darum, gemeinsam mit den Hilfesuchenden Perspektiven zu entwickeln, um ihre Notlage zu mildern oder abzuwenden.“

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