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FlüchtlingsHeim an der Universität? : „Betreuung können wir nicht leisten“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Für die Universität ist eine Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge auf dem Campus vorstellbar, doch es bleiben viele unbeantwortete Fragen. Uni-Sprecher Boris Pawlowski hält den Plan des Innenministers, bereits im Herbst die Türen zu öffnen, für „sportlich“.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2015 | 14:17 Uhr

Die Christian-Albrechts-Universität (CAU) sperrt sich nicht dagegen, auf dem Campus eine Erstaufnahme für Flüchtlinge einzurichten, wie es die Landesregierung jüngst vorgeschlagen hat. Ganz im Gegenteil: „Aus humanitären und zivilgesellschaftlichen Gründen“ will man nach Kräften helfen, das Unterbringungsproblem zu mildern. Dafür könne man auch hochschuleigenes Gelände zur Verfügung stellen. So steht es ausdrücklich in einer Erklärung der Landesrektorenkonferenz. „Wir verhalten uns solidarisch“, betonte gestern Boris Pawlowski. Doch der CAU-Pressesprecher wies gleichzeitig darauf hin, dass außerhalb der grundsätzlichen Bereitschaft bislang überhaupt nichts geklärt ist. „Wir stehen ganz, ganz am Anfang“, so Pawlowski.

Nach seinen Worten gibt es viele unbeantwortete Fragen. Wie groß soll die Unterkunft sein, wie viele Menschen kann sie aufnehmen, wie sieht es mit der Infrastruktur aus? Für den CAU-Sprecher ist zudem der Zeitplan von Innenminister Stefan Studt, der am liebsten schon im Oktober die Türen öffnen möchte, „sehr sportlich“. Pawlowski stellt auch fest: „Die Universität ist für die Betreuung der Flüchtlinge nicht gerüstet. Das können wir nicht leisten.“ Das betreffe die medizinische Versorgung ebenso wie die Ernährung oder der Umgang mit den Kindern ganz verschiedener Herkunft.

Laut Pawlowski stimmen sich die Mitglieder der CAU-Spitze über das weitere Vorgehen ab, die Einberufung eines Sondersenates ist denkbar. Zudem befinde man sich auch in enger Absprache mit dem Asta, der Studentenvertretung. Theoretisch bietet die Fläche hinter der neuen Bibliothek – einst für die Technische Fakultät gedacht und heute vorwiegend als Parkplatz genutzt – genügend Platz für eine Flüchtlingsunterkunft. Ungeklärt ist aber auch hier, wie die technischen Einzelheiten aussehen. „Wir kennen gegenwärtig nicht die Vorstellungen der Politik“, hält der CAU-Sprecher fest.

Vom politischen Konzept und ihrer praktischen Umsetzung ist aber nicht nur die Universität, sondern auch die Stadt Kiel betroffen. Zur Erinnerung: In Neumünster befindet sich die zentrale Erstaufnahme-Einrichtung des Landes, die Stadt muss deshalb keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, die nach einem bestimmten Schlüssel über ganz Schleswig-Holstein verteilt werden. Soll diese Regelung dann auch für Kiel gelten? Bislang nimmt die Landeshauptstadt 8,7 Prozent aller Flüchtlinge auf.

Bleibt es dabei, wird die Landeshauptstadt in der aktuellen Flüchtlingspolitik vor große Herausforderungen gestellt. Das geht aus einem Hintergrundpapier des Amtes für Wohnen und Grundsicherung hervor. Allein die Zahlen sprechen für sich. Lebten Ende 2013 genau 635 Asylbewerber in Kiel, waren es Ende 2014 bereits 1445. Hinzu kommen noch 68 Flüchtlinge aus Syrien. Im neuen Jahr liegt die Zahl der Flüchtlinge Mitte Februar bereits bei 195, erwartet werden nach bisherigen Prognosen insgesamt 900 neue Aufnahmen. Doch selbst diese Kalkulation ist vermutlich schon überholt. Sollte nämlich die Schätzung des Ministerpräsidenten Torsten Albig zutreffen, der von landesweit 20  000 Flüchtlingen spricht, müsste Kiel im laufenden Jahr 1700 Menschen neu aufnehmen – nahezu die dreifache Menge im Vergleich zum Vorjahr.

Wie und wo die Menschen unterkommen, ist noch nicht geklärt. Gemeinschaftsunterkünfte existieren bislang in Gaarden (101 Plätze), Mitte (75), Elmschenhagen (60), Russee (25), an der Bugenhagenstraße (ebenfalls 25) und in Kronsburg (18). In Holtenau werden gegenwärtig Unterkünfte auf dem ehemaligen MFG-5-Gelände hergerichtet. Im April ziehen die ersten 100 Personen ein, später sollen weitere 200 folgen. Doch Oberbürgermeister Ulf Kämpfer stellte gestern in der Ratsversammlung fest, dass auch das wohl nicht ausreichen wird. Sein Appell: „Wir müssen die große Herausforderung meistern. Wir tun gut daran, in dieser schwierigen Situation unseren Beitrag zu leisten.“
 

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