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Ehrung für Spezialisten : Berufung: Bomben entschärfen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Oliver Kinast leitet die operative Kampfmittelräumung des Landes und liebt seinen gefährlichen Job. Heute ehrt die IHK zu Kiel ihn und zwei seiner Kollegen.

shz.de von
erstellt am 18.Jan.2016 | 06:05 Uhr

In einem unscheinbaren, leicht verwitterten Gebäude liegen sie aufgebockt und aufgereiht: Bomben, Torpedos, Granaten. Säuberlich sortiert. Auch dem heutigen Chef nötigte der erste Blick in die Lehrmittel-Sammlung Respekt ab. „Man spürt, es geht etwas Böses von ihnen aus“, sagt Oliver Kinast. „Sie wurden entwickelt, um Menschen zu töten.“ Dies ist Kinasts Arbeitsplatz. Ein doppelt eingezäuntes Gelände bei Kiel in der Ortschaft Groß Nordsee. Das Areal des Kampfmittelräumdienstes (KRD) des Landes. Kinast ist seit 2011 Leiter der operativen Kampfmittelräumung. Er sagt: „Ich habe hier meine Berufung gefunden. Nach drei Wochen Urlaub freue ich mich wieder hierher zu kommen.“

Im ganzen Land – und wohl am häufigsten in Kiel – entschärfen der 48-Jährige und seine sechs Teams Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg und Munition, auch im Wasser. Denn auch 70 Jahre nach Kriegsende werden die Folgen des Krieges tagtäglich sichtbar. So hat der KRD allein im vergangenen Jahr mehr als 200  000 Stück Munition in Schleswig-Holstein beseitigt. Ein Ende der Arbeit? Nicht in Sicht.

Kinast und seine Kollegen sind es auch, die verdächtige Objekte wie etwa im Dezember die Sporttasche auf dem Kieler Exerzierplatz untersuchen und wenn nötig sprengen. Ebenso bereiten die Entschärfer Staatsbesuche vor – im letzten Jahr etwa den des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin in Kiel. Auch die Anzahl der Anträge von Kommunen und privaten Investoren zur Überprüfung von Grundstücken wächst. Waren es 2010 landesweit gut 800, stieg die Zahl 2015 auf 3200. Allein für Kiel gab es im vergangenen Jahr mehr als 400 Anträge. Dieser „Bombenjob“ bringt ein hohes Maß an Verantwortung mit sich – bei dem Grundgehalt eines Kurierfahrers für nicht wenige Mitarbeiter, plus Gefahrenzulage. Aus diesem Grund ehrt die Industrie- und Handelskammer zu Kiel beim Jahresempfang heute für den gesamten Dienst mit 36 Mitarbeitern Oliver Kinast (48), seinen Vizechef Georg Ocklenburg (60) und Hans-Jörg Kinsky (51), stellvertretender Tauchereinsatzleiter. Kinast freut sich: „Wir nehmen die Anerkennung sehr gern stellvertretend an. Unsere Teams leisten herausragende Arbeit, oft im Verborgenen. Es ist eine gefährliche Aufgabe.“

Eine Aufgabe, die Kinast sich selbst gesucht hat – und die ihn nach eigener Aussage jung und geistig beweglich hält. Weil sein Alltag unvorhersehbar ist. Weil jede Bombe anders ist. Und weil er körperlich und psychisch belastbar sein muss. Etwa alle vier Wochen hat er sieben Tage Bereitschaft, Grundanspannung inklusive, das Handy ständig „am Mann“, wie Kinast erzählt. Anspannung auch bei den Großeinsätzen wie im vergangenen August. Vier Bomben auf einem Kieler Schulgelände. Da gibt es den Moment, wenn die Geräuschkulisse verstummt. Dann ist es so, „als wenn die ganze Stadt den Atem anhält. Als ob sogar die Vögel wegfliegen“, sagt Kinast. Stressig wird es für ihn aber erst, wenn etwas nicht so läuft wie erwartet – Probleme beim Zünder, verformtes Gewinde. Oder uneinsichtige Bürger, die in den Gefahrenbereich laufen. „Dann denke ich an 2000 evakuierte Leute, die in ihre Wohnung zurück wollen. Die Bahn steht still, die Förde ist gesperrt. Die Erwartungshaltung setzt einen unter Druck.“ Kinast muss dann abwägen: Welche Möglichkeiten, welches Risiko? Mehr Kraft oder gröberes Werkzeug?

Die schlimmste Entschärfung, berichtet Kinast, gelernter Kommunikationsgeräte-Elektroniker und heute Polizei-Kriminalhauptkommissar, war auf Helgoland. Nachts. Alles bebaut. Und dann: Probleme mit der Zündnadel. Touristen übertreten Absperrungen, wollen nach Hause. Kinast muss sich entscheiden – soll er die Bombe sprengen? Womöglich mit Verletzten und Häuserschäden. Kinast entfernt den Zünder mit einer Zange, Risiko einer Explosion: für ihn gefühlt bei 50 Prozent. Alles geht gut. „Der einzige Einsatz, bei dem ich Angst um mein Leben hatte“, sagt der groß gewachsene Mann mit dem federnden Gang.

Und was sagt die Familie dazu? „Meine Frau kennt mich so“, sagt Kinast ganz trocken. Aber, nein, sie wäre wohl nicht sauer, wenn er sich einen anderen Beruf suchen würde. Oliver Kinast ist zum zweiten Mal verheiratet. Er hat zwei Kinder. Eine Tochter (20), einen Sohn (22). Und der „findet das total cool.“ Ist wie sein Vater zur Polizei gegangen, arbeitet in Kiel. Sollte er irgendwann in die Fußstapfen seines Vaters treten wollen – „ich würde ihm keine Steine in den Weg legen“.


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