Diagnose Unheilbar : Beistand auf dem letzten Weg

Sie sind zur Stelle: Seelsorgerin Renate Ebeling und der Stationsleiter Dr. Dieter Siebrecht sitzen am Bett von Hildegard Kaper.
Sie sind zur Stelle: Seelsorgerin Renate Ebeling und der Stationsleiter Dr. Dieter Siebrecht sitzen am Bett von Hildegard Kaper.

Ruhe, Geborgenheit und die Möglichkeit zum Gespräch: Auf der Palliativstation im Uni-Klinikum herrscht eine ganz eigene Atmosphäre. Angesichts des bevorstehenden Todes ist der Mensch „ganz auf sich bezogen, es gibt nur noch ihn“, sagt die Seelsorgerin Renate Ebeling.

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23. Dezember 2014, 15:50 Uhr

Hildegard Kaper weiß, dass sie nicht mehr lange leben wird. Die zierliche 70-Jährige leidet an einem schweren Krebs in der Speiseröhre, eine heilende Operation gibt es nicht. Sie liegt auf der Palliativ-Station des Uni-Klinikums gleich neben dem Alten Botanischen Garten. Das medizinische Team um Oberarzt Dr. Dieter Siebrecht und Seelsorgerin Renate Ebeling sorgen dafür, dass sich Patienten wie Hildegard Kaper in ihrem letzten Lebensabschnitt gut aufgehoben fühlen.

Es herrscht eine wohltuende Stille im zweiten Stock von Haus 12. Die Aufgeregtheit, die Eile, der Stress, wie man es von Krankenhäusern häufig kennt, sind hier fehl am Platze. „Das Lebensende ist eine ganz besondere Situation“, erklärt Renate Ebeling mit leisen Worten. „Der Mensch ist ganz auf sich bezogen, es gibt nur noch ihn.“ Es gebe meist ein ganz großes Bedürfnis zu reden. Nicht immer nur mit den nächsten Angehörigen. Sondern beispielsweise mit der Seelsorgerin, der die Patienten großes Vertrauen entgegenbringen und mitunter auch persönliche Geheimnisse mitteilen. Renate Ebeling nimmt sich Zeit, zuzuhören, über das Unausweichliche zu sprechen und auf diese Weise auch die Angst vor dem Tode zu nehmen.

Das Ziel ist bei den Patienten „mit lebensbegrenzenden Erkrankungen“, wie es der Mediziner Siebrecht ausdrückt, nicht mehr die Heilung. Hier geht es einzig um die Verbesserung der Lebensqualität. Gleichwohl ist die Palliativstation kein Hospiz. Die durchschnittliche Verweildauer auf der 18-Betten-Station liegt bei elf, zwölf Tagen. Danach werden die Patienten wieder in die Obhut ihrer Familie oder auch in eine ambulante Versorgung entlassen. Auf der Station haben sie therapeutische Erleichterung erfahren. Der Einsatz von Schmerzmitteln gehört dazu und überhaupt eine professionelle medizinische Betreuung, aber auch der Genuss musikalischer Angebote oder die schonende Behandlung bei Physiotherapeuten. „ Sie sind für die Patienten wie Engel“, sagt Renate Ebeling über die einfühlsamen „Wunderhände“ der Physios.

Aber allen Beteiligten auf der Station ist klar: Das Sterben gehört dazu. Vor dieser harten Erkenntnis scheuen sich viele Angehörige, mitunter neigen Ehemann, Ehefrau oder Kinder des todkranken Patienten zur Verharmlosung. Was nach Ansicht der Experten ganz natürlich ist. Die Konfrontation mit der Wahrheit ist eine schmerzliche Sache, schafft aber gleichzeitig die Grundlage für die palliative Begleitung.

„Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Ich stelle mich auf das Ende ein“, sagt Hildegard Kaper, die neben dem Krebs aktuell auch unter einer Rückenentzündung leidet. Als gelernte Altenpflegerin hat sie in ihrer Berufszeit selbst oft genug sterbende Menschen erlebt. Die 70-Jährige lobt die angenehme Atmosphäre auf der Palliativstation für . „Man lernt hier, mit den Schmerzen umzugehen. Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin dafür sehr dankbar und hoffe, dass viele Leute erfahren, dass es so etwas überhaupt gibt.“

Hildegard Kaper hat in einer Wohngemeinschaft auf dem Kieler Ostufer gelebt. Ein Patienten-Testament hat sie verfasst, damit im Ernstfall gute Freunde informiert werden. Und falls eine Situation eintritt, „in der ich mich nicht mehr klar äußern kann“, wie sie selber sagt. Jetzt zu Weihnachten denkt sie an den Frühling. „Es kann sein, dass ich dann nicht mehr da bin“, sagt Hildegard Kaper ganz offen und fügt dann doch einen letzten Wunsch an: „Wenn ich es aber doch schaffe, werde ich mit meiner besten Freundin noch einmal Fördedampfer fahren.“  

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