Landesregierung unterstützt Modellversuch : Begleitetes Fahren ab 16: Was Fahrlehrer und ihre Schüler darüber denken

<p>Überzeugt vom Prinzip „Begleitetes Fahren“: Jasmina Utzat (17) hat gerade ihre erste Fahrstunde mit Lehrer Lars Diederichsen hinter sich. </p>

Überzeugt vom Prinzip „Begleitetes Fahren“: Jasmina Utzat (17) hat gerade ihre erste Fahrstunde mit Lehrer Lars Diederichsen hinter sich.

In SH könnten bald 16-Jährige hinterm Lenkrad sitzen – Fahrlehrer begrüßen den Modellversuch, sehen aber auch mögliche Probleme.

von
25. Januar 2018, 20:00 Uhr

Kiel | Schnell sei es gewesen, aber es hat Spaß gemacht. Jasmina Utzat hat gerade ihre erste Fahrstunde hinter sich. Die Jugendliche macht an einer Kieler Fahrschule ihren Führerschein für „Begleitetes Fahren ab 17“ – BF17-Teilnehmer nennt man das auch. Im November ist sie 17 Jahre alt geworden. Wenn sie ihre Prüfung besteht, muss Jasmina noch bis zu ihrem 18. Lebensjahr unter Begleitung fahren und kann auf Erfahrungen der Begleiter zurückgreifen.

Junge Erwachsene haben weltweit das mit Abstand höchste Unfallrisiko im Straßenverkehr. Im Jahr 2016 verunglückten in Deutschland insgesamt 65.908 junge Männer und Frauen der Altersgruppe 18-24 Jahre im Straßenverkehr, 435 junge Erwachsene wurden getötet.

Seit Oktober 2005 ist das begleitete Fahren mit 17 in Schleswig-Holstein möglich. Nach einer Testphase wurde der Führerschein ab 17 im Jahr 2011 zur dauerhaften, bundesweiten Regelung. Mit Erfolg: Das Unfallrisiko von Fahranfängern hat sich durch die einjährige Fahrpraxis in Begleitung signifikant gesenkt. Das ist der Grund, warum der Landtag am Donnerstag einstimmig beschlossen hat, sich für eine weitere Herabsetzung des Mindestalters einzusetzen. Schleswig-Holstein unterstützt damit eine niedersächsische Initiative für einen Modellversuch „Begleitetes Fahren ab 16“.

„Die Teilnehmer machen weniger Fehler aus Unsicherheit, Übermut oder Unerfahrenheit – und es gibt weniger Verletzte und Tote. Was für ein schönes Fazit aus zwölf Jahren BF17 “, sagte Kay Richert (FDP). Verkehrsminister Bernd Buchholz nannte Zahlen. „Mehr als 20.000 Jugendliche machen jährlich von der Möglichkeit Gebrauch. Es gibt 22 Prozent weniger Unfälle und Verkehrsdelikte in der BF17-Gruppe.“ Eine Ausdehnung mache deshalb Sinn.

<p>Fahrlehrer Ruven Riesel glaubt nicht, dass sich für die Fahrschulen durch das Begleitete Fahren ab 16 viel ändern würde.</p>
Dana Ruhnke

Fahrlehrer Ruven Riesel glaubt nicht, dass sich für die Fahrschulen durch das Begleitete Fahren ab 16 viel ändern würde.

Auch Fahrlehrer Ruven Riesel hält das für sinnvoll. „Die Jugendlichen gewöhnen sich durch Begleitung einen bestimmten Fahrstil an. Das bleibt hängen.“ Würde man diese Phase verlängern, könne er sich eine noch stärkere Prägung vorstellen. „In dem Alter nimmt man erfahrungsgemäß auch Hinweise eher an als vielleicht mit 18“, glaubt der 29-Jährige, der seit sechs Jahren als Fahrlehrer in Schönkirchen arbeitet.

Aber ist man auch schon reif genug, um Auto zu fahren? Schließlich geht das mit einer großen Verantwortung einher. Lars Diederichsen ist seit 20 Jahren Fahrlehrer. Er hat die Umstellung auf BF17 hautnah miterlebt und kennt auch Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren, die etwa gerade ihren Roller- oder Kleinkraftrad-Führerschein machen. „Das ist schon noch einmal ein Entwicklungssprung“, meint der 50-Jährige. Pauschalisieren könne man das aber nicht. „Letztlich ist es eine Frage des Selbstvertrauens, da ist das Alter zweitrangig.“ Er sei neugierig auf einen Modellversuch „Fahren ab 16“.

Fahrlehrerkrise, verlängerte Probezeit und PS-Begrenzung

Für ihn stellt sich in dem Zusammenhang jedoch die Frage nach einer verlängerten Probezeit. Derzeit beträgt diese zwei Jahre. „Wenn die zukünftig also mit 18 endet, in dem Moment, ab dem man unbegleitet fahren darf, könnte das nach hinten los gehen“, meint der Experte. Ihn wundere zudem, dass es, wenn über die Absenkung des Unfallrisikos gesprochen wird, nie um eine PS-Begrenzung für junge Autofahrer gehe.

 

Ein mögliches Problem sehe Diederichsen auch bei den Kapazitäten der Fahrschulen – je nach dem, wie das Angebot angenommen werde. „Die Zeiten, in denen um Schüler gekämpft werden musste, sind aktuell vorbei“, so Diederichsen. Ein Grund dafür sei auch die große Zahl an Flüchtlingen, die jetzt ihren Führerschein in Deutschland machen. Gleichzeitig gebe es eine Fahrlehrerkrise. „Zu wenige kommen nach. Die Lehrgänge sind teuer. Wenn da jetzt ein Schwall 16-Jähriger kommt, steht man sich hier auf den Füßen.“

Ruven Riesel glaubt allerdings nicht, dass es einen solchen Ansturm geben würde. In seiner Generation sei es extrem wichtig gewesen, mit 18 den Führerschein in der Tasche zu haben. „Die Mentalität ist heute anders. Da drängeln teilweise die Eltern irgendwann darauf, dass ihre Kindern sich endlich bei der Fahrschule anmelden.“ Andere Prioritäten, aber auch erhöhten Freizeit- und Schulstress nennt er als mögliche Gründe.

Brüssel entscheidet

Für diejenigen, die auf den Führerschein brennen, ist gerade Letzteres häufig ein Grund, sich schon mit 16 anzumelden. Das war auch bei Jasmina so, die derzeit die 11. Klasse besucht. „Später steckt man im Abiturstress, hat viel zu tun, viele Prüfungen. Also habe ich mich entschieden, begleitetes Fahren mit 17 zu machen.“ Auch mit 16 hätte sie sich das Autofahren schon zugetraut. „Aber das muss dann jeder persönlich für sich entscheiden.“

Auch wenn Landtag und Landesregierung sich am Donnerstag einig waren – ob bald auch 16-Jährige Autofahren dürfen, wird an anderer Stelle entschieden. Denn das EU-Recht schreibt bisher ein Mindestalter von 17 Jahren für Fahranfänger vor. Die Europäische Kommission muss also den Vorstoß unterstützen und das EU-Recht entsprechend ändern. Dafür will sich Bernd Buchholz jetzt in Brüssel einsetzen.

Informationen zum „Begleiteten Fahren ab 17“

Wie funktioniert „Begleitetes Fahren ab 17“ bisher?

Jugendliche können sich schon im Alter von 16einhalb in einer Fahrschule anmelden. Dort machen sie dieselbe Fahrausbildung wie ältere Personen. Nach bestandener theoretischer und praktischer Prüfung erhalten BF17-Teilnehmer nach ihrem 17. Geburtstag dann eine sogenannte „Prüfungsbescheinigung“. Zusammen mit einem Ausweis gilt sie als Fahrerlaubnis beim begleiteten Fahren. Die theoretische Prüfung darf frühestens drei Monate vor dem 17. Geburtstag erfolgen, die praktische einen Monat.

Die Probezeit beginnt mit Übergabe der Prüfungsbescheinigung und dauert zwei Jahre. Die Klassen AM, L und S können auch ohne Begleitung gefahren werden.

Wo kann man einen Antrag auf BF17 stellen?

Anträge können bei der Fahrerlaubnisbehörde des Wohnorts gestellt werden. Die Eltern beziehungsweise die gesetzlichen Vertreter müssen dem „Begleiteten Fahren“ ebenso zustimmen, wie die Begleitpersonen, die auf der Prüfungsbescheinigung benannt werden.

Entstehen höhere Kosten?

Die Ausfertigung der Prüfungsbescheinigung für den jungen Fahrer und die Auskunft aus dem Verkehrszentralregister (Punktestand) für jede Begleitperson verursachen geringfügige zusätzliche Kosten im Vergleich zum Führerscheinerwerb ab 18 Jahren. Die Höhe dieser Gebühren ist von Ort zu Ort unterschiedlich

Wer kann Begleitperson werden?

Begleitpersonen beim BF17-Modell müssen...

  • von der zuständigen Führerscheinstelle in der Prüfungsbescheinigung eingetragen sein
  • mindestens 30 Jahre alt sein
  • seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen die Fahrerlaubnis der Klasse B besitzen
  • nicht mehr als einen Punkt im Fahreignungsregister in Flensburg haben
  • sich während der Fahrt ebenfalls an die 0,5 Promillegrenze für Alkohol halten

Eine zahlenmäßige Beschränkung gibt es nicht. Für Personen, die kein Elternteil sind, muss aber die Einverständnis der Eltern vorliegen

Welche Aufgaben haben die Begleitpersonen?

Die Jugendlichen sollen von der Erfahrung, der Ruhe und Voraussicht ihrer Begleitung profitieren. Sie sollten aber das Verkehrsgeschehen aufmerksam beobachten und für Fragen zur Verfügung stehen. Auch Hinweise können vor allem in Gefahrensituationen gegeben werden. Ist der Fahrer müde, kann der Begleiter auch eine Pause vorschlagen. Auch regelmäßiges Feedback kann zu den Aufgaben der Begleitpersonen gehören.

Eingreifen sollen sie dagegen nicht. Die BF17-Teilnehmer sollten in ihrer Verantwortung für das Fahren ernst genommen werden.

Darf ich als 17-Jähriger auch im Ausland fahren?

Mittlerweile dürfen BF17-Teilnehmer unter Einhaltung der deutschen Begleitauflagen auch in Österreich Auto fahren. Das sollte aber unbedingt und in jedem Fall vorher mit der Haftpflichtversicherung abgeklärt werden.

Was gilt es sonst noch zu bedenken?
  • Viele KFZ-Versicherungen müssen darüber informiert werden, wenn ein Auto für das BF17 genutzt wird.
  • Für die Jugendlichen gilt absolutes Alkoholverbot
  • Die Prüfungsbescheinung muss zusammen mit einem Personalweis beim Fahren immer dabei sein
  • Fahren ohne eingetragene Begleitperson führt zum Widerruf der Fahrerlaubnis. Außerdem gibt es ein Bußgeld und einen Punkt sowie eine Verlängerung der Probezeit um zwei Jahre, sobald die Fahrerlaubnis nach einem kostenpflichtigen Aufbauseminar neuerlangt wurde.
  • Der Kartenführerschein wird zum 18. Geburtstag automatisch von der Führerscheinstelle ausgestellt und kann dort abgeholt werden. Die Prüfungsbescheinigung aus dem Begleiteten Fahren ist bis zu drei Monate nach dem 18. Geburtstag gültig.
 
zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen