Kiel in der Zukunft : Bank-Neubau mit „Gewerbegesicht“

Architektur-Studenten der Universität Chicago haben sich im Juli mit Visionen von Kiel in 30 Jahren beschäftigt.
Architektur-Studenten der Universität Chicago haben sich im Juli mit Visionen von Kiel in 30 Jahren beschäftigt.

„Lochfenster im Ziegelkleid“ statt quartier- und nachbarschaftsbildender Ideen. Kieler Investoren-Architektur sorgt für Kritik.

shz.de von
06. August 2018, 11:21 Uhr

Kiel | Die Kritik an der Kieler Investorenarchitektur reißt nicht ab. „Muss der Neubau der Investitionsbank mit seinem ,Gewerbegesicht‘ in die erste Reihe direkt ans Wasser?“, fragt der mehrfach ausgezeichnete Kieler Architekt Harald Krüger, der sich auf nachhaltiges Bauen spezialisiert hat. Das geplante Bankgebäude „mit seinen langweiligen Aneinanderreihungen und Stapelungen von Lochfenstern im Ziegelkleid“ stelle nun nicht unbedingt „eine Leistungsschau moderner, zukunftsweisender Architektur und nachhaltiger Stadtentwicklung dar“, so seine Kritik. Vor allem stört er sich an der „kompakten, introvertierten, abschottenden Bauweise“ und fragt: „Können dort nicht Familien wohnen oder öffentliche, Menschen verbindende, attraktive Gemeinschaftseinrichtungen dem Quartier ein offenes, identitätsstiftendes Bild vermitteln?“. Stadterneuerung sei schließlich auch ein soziales Projekt! Das vor Kurzem von der Investitionsbank vorgestellte Gebäude könne überall in der Republik stehen, es fehlten „erfrischende Bezüge zum maritimen Standort“. Befremdlich sei ferner, dass die Bank als das Förderinstitut des Landes für regenerative Energien und energiesparende Gebäudesanierungen dieses nicht auch mit Nachdruck und Selbstbewusstsein beim eigenen Neubau umsetze – etwa mit kleinen Windrädern auf dem Dach, mit Fassaden- und Dachbegrünungen und der Verwendung ressourcenschonender, recyclefähiger Natur-Materialen.

„Die ausschließliche Erfüllung der geforderten Quote von Gewerbeflächen an der Hörn darf nicht der Maßstab für gesichts- und ausdruckslose Investorenarchitektur sein“, betont Krüger. Die Hörn bedeute nicht nur Sonnenuntergänge mit Wasserblick, sondern auch Aufenthaltsqualität im Quartier und die Einbindung des östlich gelegenen Stadtteils mit seinen Herausforderungen. „Wo bleiben die quartier- und nachbarschaftsbildenden Ideen, die helfen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und den sozialen Frieden zu sichern?“

Genau diesen Ansatz einer „Symbiose von Innenstadt und Ostufer“ verfolgt auch Alexander Blazek vom Eigentümerverband Haus und Grund mit seinem Vorschlag, den städtischen Bus-Betriebshof ins Gewerbegebiet auszulagern und auf dem großen Areal in Innenstadtnähe (Stadtteil Gaarden) anspruchsvollen Wohnungsbau für alle zu verwirklichen. Andere Städte hätten vorgemacht, wie man denkmalgeschützte Gewerbesubstanz hervorragend in solch ein Projekt integrieren könne. „Der heutige Standort war zu Straßenbahnzeiten sicherlich der Richtige, weil man auf den Gleiskörper baute“. Heute sei es aber allemal besser, dort die städtebauliche Entwicklung voranzutreiben, „statt auf der grünen Wiese Toskana-Haus-Siedlungen zuzulassen“. Blazek hält es deshalb für „ein Trauerspiel, wenn Gewerkschaften und Betriebsrat durch ihr Votum gegen die Verlegung des Busdepots die Stadtplanung bestimmen“.

Auch das ständige Klagen der Kommunalpolitiker über fehlendes Bauland sei überflüssig. „Quadratmetermäßig ist Kiel so groß wie Barcelona. Dort leben 1,6 Millionen Menschen und alle finden die Stadt großartig.“ Es fehle nicht an Platz, sondern an Visionen, wie die Landeshauptstadt in 20 Jahren aussehen könnte.

Architektur-Studenten der Universität Chicago haben sich im Juli mit solchen Visionen beschäftigt. Zehn Tage waren sie in Kiel und haben sich mit der Historie auseinandergesetzt und Pläne gezeichnet. Ihre Vorschlag, wie sich die Bürger zum Beispiel den durch die Hafenbetriebe blockierten Zugang zum Wasser zurückgewinnen könnten, sind atemberaubend und konfliktbeladen. „Doch dieser Herausforderung müssen wir uns stellen“, so Blazek.

Hilfreich wäre dabei, wenn in Kiel wieder Architekten ausgebildet würden. „Die Kapazitäten an der Muthesius Hochschule sind noch vorhanden.“ Der an der FH soeben neu eingerichtete Studiengang für Bauingenieure sei wichtig, aber nicht ausreichend. „Ingenieure können Bauprozesse organisieren, aber nicht mit dem Zeichenstift festhalten, wie Kiel demnächst aussehen wird.“

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