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Kieler Hauptbahnhof : Bahnhofsmission: Ein Ruhepol für Gestrandete

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wer am Bahnhof Hilfe braucht, findet diese bei der Bahnhofsmission. Ein Besuch bei den ehrenamtlichen Helfern am Kieler Hauptbahnhof.

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2014 | 12:20 Uhr

Kiel | Kaffee kochen – das ist morgens um sieben Uhr die erste Amtshandlung von Karin Sacré. Und zwar eine riesige Kanne voll. Schließlich wird fast jeder, der sie im Laufe des Tages besucht, eine Tasse davon trinken. Das ist aber auch das Einzige, das über ihren Tag zuverlässig vorhergesagt werden kann, denn Karin Sacré arbeitet ehrenamtlich in der Kieler Bahnhofsmission.

Gemeinsam mit Andreas Heinke übernimmt sie heute die Frühschicht. Sobald das große Plakat neben der Eingangstür aufgehängt ist, werden die Räume dahinter zur Anlaufstelle für Jedermann. Knapp 1000 Personen nehmen hier nach eigenen Angaben jeden Monat die Hilfe der insgesamt 18 ehrenamtlichen Mitarbeiter in Anspruch. Bei Bedarf können Beratungsstellen oder Notunterkünfte vermittelt werden, vielen reicht aber ein Gespräch bei Kaffee oder Tee. Außerdem helfen die Mitarbeiter auf dem Bahnsteig beim Ein-, Aus- und Umsteigen.

Schon vor acht Uhr haben Andreas Heinke und Karin Sacré ihren ersten Auftrag: Eine gehbehinderte Pendlerin mit Rollator wird vom Zug abgeholt. Weil ein Fahrstuhl seit Tagen nicht funktioniert, erleichtern ihr die beiden Helfer den Weg zum Taxi mit einem Rollstuhl – kurzer Klönschnack inklusive. Zurück in der Bahnhofsmission, sitzen ein Mann und eine Frau an dem kleinen runden Tisch, der im Aufenthaltsraum direkt an der Wand mit dem großen Kreuz steht. Sie bleiben eine Weile und trinken ganz in Ruhe ihren Kaffee. „Das ist ein Paar aus Rumänien. Sie kommen schon seit Jahren regelmäßig zu uns“, erzählt Karin Sacré. Sie kennt die Geschichten ihrer Stammgäste.

Auch Andreas Heinke mag den Kontakt mit den Menschen. Als Berufssoldat bei der Marine wurde er im Alter von 53 Jahren pensioniert. „Das ist eindeutig zu früh zum Nichtstun“, lacht er. Zwei Monate nach seiner Pensionierung fing er darum bei der Bahnhofsmission an. Mittlerweile ist er seit drei Jahren fester Bestandteil des Teams – nicht nur am Kieler Bahnhof, sondern auch in den Zügen. Dort begleitet er Fahrgäste, die zum Beispiel gehörlos, blind oder gehbehindert sind, aber auch viele Ältere, Kinder und Jugendliche auf ihrer Fahrt von A nach B. „Bahnhofsmission Mobil“ heißt der kostenlose Service, der immer häufiger in Anspruch genommen wird. „Darum suchen wir dafür auch noch weitere Ehrenamtliche“, betont Andreas Heinke.

Im hinteren Teil der Räumlichkeiten, die die Deutsche Bahn der Bahnhofsmission samt Wasser, Strom und Reparaturen kostenlos zur Verfügung stellt, bedient derweil Jörg Ortmann abwechselnd Computer und Telefon. Der 45-Jährige tüftelt gerade am Schichtplan für den kommenden Monat. In der Regel teilen sich jeweils zwei Mitarbeiter die Früh- und die Spätschicht, damit die Bahnhofsmission fast jeden Tag besetzt ist. Nur sonntags und nachts ist die schwere Tür direkt neben Gleis sechs geschlossen.

Jetzt aber öffnet sie sich immer wieder für Gäste, die auf einen Kaffee vorbeikommen. Einige werden mit Namen begrüßt, einen versorgt Karin Sacré sogar mit einem Stück Schokolade. „Das bekommt er immer“, sagt sie und strahlt. „Ich freue mich, wenn ich helfen kann.“ Ihr gefällt an ihrem Ehrenamt besonders die Vielseitigkeit, aber auch die Dankbarkeit der Menschen. Seit sieben Jahren gehört sie schon zum Kieler Team der „BM“, wie die Mitarbeiter die Bahnhofsmission nennen. Die Diplom-Ingenieurin kam aus Nordrhein-Westfalen nach Schleswig-Holstein, arbeitete hier an der Universität und war stellvertretende Bürgermeisterin von Heikendorf. Dass sie mittlerweile 74 Jahre alt ist, ist der agilen blonden Frau nicht anzumerken. Unermüdlich nimmt sie immer wieder Fahrgäste am Zug in Empfang und zeigt ihnen den Weg. Oft sind es Frauen mit Kindern, die zum Kleinbus einer Mutter-Kind-Klinik gebracht werden.

Karin Sacré und Andreas Heinke fallen auf, wenn sie am Bahnsteig auf die Ankunft des nächsten Zuges warten, oder ihre Runde durch die Bahnhofshalle drehen. Ihre blauen Westen locken immer wieder fragende Fahrgäste an: „Wann fährt denn der Zug nach Hamburg ab?“ „Ich habe meinen Zug verpasst – kann ich mit diesem Ticket auch den nächsten nehmen?“ „Auf welchem Gleis komme ich nach Neumünster?“ Freundlich und gelassen beantworten sie jede noch so hektische Frage. Die meisten Ankunfts- und Abfahrtzeiten hat Karin Sacré mittlerweile ohnehin im Kopf.

Jeder Kontakt – ob Auskunft oder Einstiegshilfe – wird anschließend zu einem Strich in der Tagesübersicht. Handschriftlich wird in einer Tabelle festgehalten, welchen Personen wie oft und womit weitergeholfen wurde. „Das ist für die Statistik“, erklärt Karin Sacré, „damit wir wissen, welcher Bedarf besteht.“

Dennoch: So manche Vorfälle kann auch die beste Statistik nicht vorhersehen. „Einmal stand ein fünfjähriger Junge mit seinem kleinen Koffer allein am Bahnsteig“, erinnert sich Karin Sacré. „Er wollte zum Hansapark fahren.“ Ein anderes Mal traf Andreas Heinke auf eine Frau, die wegen ihrer Demenzerkrankung nicht mehr wusste, wer sie war. Um beide hat sich das Team der Bahnhofsmission ebenso gekümmert wie um den Politiker, der seine Geldbörse verloren hatte, oder die nackte Frau, die nur in eine Decke gehüllt von der Autobahnpolizei hergebracht wurde – nach einem Streit hatte ihr Freund sie einfach an einer Autobahnraststätte ausgesetzt.

Doch solche kuriosen Erlebnisse sind eher die Ausnahme. Häufiger sind Besucher wie Jan Ulrich G., der seit über einem Jahr regelmäßig vorbeikommt. „Hier bekomme ich einen guten Kaffee und kann mich ein bisschen unterhalten“, sagt der 35-jährige Verkäufer des Straßenmagazins „Hempels“, bevor er einen kräftigen Schluck aus seinem Pappbecher nimmt. Das Kontrastprogramm ist der schnell sprechende Mann, der plötzlich auf Schwäbisch am Besuchertresen drauflos plaudert. Seine Mitreisende und er kämen aus Stuttgart, arbeiten dort für die Bahnhofsmission und wollten auf ihrer Durchreise kurz „Hallo“ sagen.

Einfühlungsvermögen und Ausgeglichenheit nennt Andreas Heinke als Voraussetzungen für seinen Job. Er weiß nie, wer ihn als nächstes anspricht und muss sich darum schnell auf unterschiedlichste Personen und Situationen einstellen können. Darum hat er, wie auch seine Kollegen, eine mehrtägige Grundausbildung hinter sich. Zusätzliche Fortbildungen schulen die Mitarbeiter außerdem in Bereichen wie Gesprächsführung und Seelsorge, aber auch im konkreten Umgang mit Suchterkrankungen, Blinden oder Gehörlosen. „Ich habe sogar mal einen Kurs in Gebärdensprache belegt“, erzählt Andreas Heinke. Ein paar Ausdrücke und das Alphabet beherrscht er bis heute, nutzt es aber kaum.

Stattdessen spricht er jetzt mit zwei weiteren Kollegen. Sie sind die Spätschicht und werden darum erstmal auf den aktuellen Stand gebracht und über kommende Aufträge informiert. Karin Sacré kümmert sich währenddessen noch schnell darum, dass auch der wohl wichtigste Gegenstand aufgefüllt und einsatzbereit ist: Die Kaffeekanne.

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