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Mauerbau, Mauerfall : Auf Zeitreise mit den Filmemachern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zum Jahrestag des Mauerfalls im November 1989 fand an der Hebbelschule ein ganz besonderer Geschichtsunterricht statt. Die beiden Kieler Filmemacher Gerald Grote und Claus Oppermann zeigten ihre Mauer-Dokumentation und machten die Schüler zugleich mit alten Techniken vertraut.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 17:44 Uhr

Das ist mal eine naheliegende Kooperation: Die Geschichtslehrerin Daniela Manthei von der Kieler Hebbelschule nahm Kontakt zu den Filmemachern Gerald Grote und Claus Oppermann auf. Deren Produktionsfirma „EinfallsReich“ liegt nur einen guten Kilometer vom Gymnasium entfernt. Die Idee: Am Gedenktag des Mauerfalls präsentierten sie vor 65 Schülern des zehnten Jahrgangs gemeinsam den Dokumentarfilm „Bis an die Grenze“. Wie passend, dass Grote einst die Hebbelschule besuchte. „Es ist etwas Besonderes, wieder hier zu sein“, sagte er.

Für die Schüler war der Besuch ebenfalls etwas Besonderes. Selten bekommt man die Gelegenheit, Filmemachern Fragen zu stellen. Zunächst schauten die Jugendlichen die 90-minütige Dokumentation über die Berliner Mauer an. Der Film erzählt vom Mauerbau im Jahr 1961 bis zu ihrem Fall im November 1989 – immer mit außergewöhnlichen Super-8-Aufnahmen von Privatpersonen. „Es sind Bilder, die es vorher noch nie zu sehen gab“, erklärte Oppermann. Eben eine ganz persönliche Sicht auf deutsch-deutsche Geschichte. Und auch wenn der Film bereits von 2011 ist, ist der aktueller denn je. Denn er zeigt, wie unsinnig Mauern sind.

Anschließend begann die Fragestunde: „Wie lange hat es gedauert, den Film fertigzustellen?“ Die Antwort: „anderthalb Jahre.“ Grote und Oppermann hatten die Idee, organisierten einen Aufruf, um Filmmaterial zu finden, sammelten es ein, digitalisierten und schnitten es aufwendig zusammen. Zusätzlich führten die zwei Kieler Interviews mit Zeitzeugen.

„Das war bestimmt sehr emotional, oder?“, wollte eine Schülerin wissen. „Und wie!“, meinte Grote. Denn viele Berliner hatten aufgrund der Mauer den Kontakt zu Verwandten und Freunden verloren. Da flossen oft die Tränen – nicht nur in den Filmen, sondern auch während der Interviews.

Mit Zeitzeugeninterviews hat man sich an der Hebbelschule bereits beschäftigt. Im vergangenen Jahr hatten Schüler einige Kieler zu ihrer Vergangenheit befragt. Die Ergebnisse in Form von Videos wurden im Flandernbunker präsentiert. Es war ein erfolgreicher Versuch, neue Medien im Geschichtsunterricht zu nutzen. Ähnlich wie nun mit Grote und Oppermann. „Ihr Film über die Mauer vermittelt Geschichte auf eine sehr persönliche Weise“, sagte Geschichtslehrerin Daniela Manthei, die die Filmvorführung – finanziert vom Hebbelalumni-Verein – mit ihrem Kollegen Philipp Wolter betreute. So würden die Schüler merken, dass jeder Mensch ein Teil Geschichte ist.

Dann wurde es technisch: Claus Oppermann hat eine alte Kamera und Filmrollen mitgebracht. Damit erklärt er die Schmalfilmtechnik. Kamera und Rollen werden durch die Reihen gegeben, alles wird anschaulich. „Und wie digitalisiert man alte Filme?“ Grote und Oppermann verfügen über einen Filmscanner. Ein Lichtstrahl geht durch jedes einzelne Filmbild, sodass eine hochauflösende Kamera es aufnahmen kann und an einen angeschlossenen Computer schickt, der eine Videodatei erstellt.

„Und kann man vom Filmemachen leben?“, möchte ein Junge wissen. „Du wirst nicht reich davon“, antwortete Oppermann und fügte hinzu: „Dokumentarfilmer leben sehr bescheiden.“ Nur 70 Prozent könnten wirklich ihren Lebensunterhalt damit bestreiten. Es gehört viel Idealismus dazu, wie man Grote und Oppermann anmerkte.

Schließlich fragte die Lehrerin ihre Schüler, welche Szenen ihnen im Gedächtnis geblieben sind. Die Bilder vom Bau der Mauer und die weinenden Menschen, die mit Taschentüchern ihren Verwandten zum Abschied auf unbestimmte Zeit winkten, lösten am meisten Emotionen aus. Dabei wurde den Schülern vor Augen geführt: Damals gab es keine Smartphones, um geliebte Menschen schnell zu erreichen.

Die Schülerin Lisbeth Steuer erkannte im Film starke Kontraste: „Einige Szenen waren sehr traurig, aber es gab auch fröhliche Momente zu sehen.“ Die 16-Jährige ist übrigens die einzige der Jugendlichen, die schon einmal Schmalfilmmaterial gesehen hat. „Meine Patentante hat mir mal einen Film gezeigt“, erzählte Lisbeth. „Es war seltsam, weil es keinen Ton gab, dafür aber das laute Rattern des Projektors.“ Beim Film von Grote und Oppermann rattert nichts. Die beiden Dokumentarfilmer haben die stummen Filmelemente mit Ton und Musik unterlegt. Gerald Grote erzählte schließlich noch davon, wie schwierig es war, die Musikrechte zu klären. „Eine Woche vor der Premiere war noch nicht alles sicher.“ Die Schüler hörten gespannt zu. Geschichtsunterricht, wie er lebendiger nicht sein könnte.

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