Projekt Stolpersteine : Auf historisch Spurensuche: „Sie lebten einst mitten unter uns“

Eine ausgelöschte Großfamilie: An das bittere Schicksal von sechs ehemaligen Kieler Mitbürgern erinnern sechs Stolpersteine an der Faulstraße 41 in der Kieler Altstadt.  Fotos: Carstens (3)
Eine ausgelöschte Großfamilie: An das bittere Schicksal von sechs ehemaligen Kieler Mitbürgern erinnern sechs Stolpersteine an der Faulstraße 41 in der Kieler Altstadt. Fotos: Carstens (3)

Am Donnerstag hat der Künstler Gunter Demnig in Kiel 21 neue Stolpersteine verlegt.

shz.de von
28. Juni 2018, 19:46 Uhr

Es ist nicht bekannt, welches Wetter an jenem Nikolaustag im Jahre 1941 herrschte. Kalt aber war es, als die Brüder Wolff Willy und Martin Hirsch mit ihren Familien in Kiel den ungeheizten Waggon klettern mussten, der sie ins Ghetto nach Riga deportierte. Hedwig Hirsch, ihre beiden erwachsenen Söhne Wolf und Heinz, Martin Hirsch und Ehefrau Hertha kamen ums Leben – in Riga, im KZ Stutthof oder auf den berüchtigten Todesmärschen. Allein der Vater Wolff Willy Hirsch überlebte den Holocaust der Nazis, er starb 1973 in Kiel.

Bei der Pflasterarbeit: Gunter Demnig hat seit 25 Jahren in Deutschland und Europa mehr als 68.000 Stolpersteine verlegt.
Bei der Pflasterarbeit: Gunter Demnig hat seit 25 Jahren in Deutschland und Europa mehr als 68.000 Stolpersteine verlegt.
 

„Den Opfern ihren Namen und ihre Identität zurückgeben“ – das ist für Stadtpräsident Hans-Werner Tovar die wesentliche Aufgabe des Projektes „Stolpersteine“. Denn: „Sie waren lebten, arbeiteten und feierten Feste mitten unter uns“, erinnerte Tovar an die einstigen Mitbürger. 21 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig gestern verlegt. Damit wächst die Zahl der zehn mal zehn Zentimeter großen Quader, die jeweils den Namen eines NS-Opfers tragen, in Kiel auf 255.

Das Schicksal der einstigen Kieler Mitbürger erforscht eine eigene Arbeitsgruppe, die regelmäßig Schüler in die historische Arbeit einbindet. Gestern erinnerten beispielsweise Jule, Martha und Hanna aus der 9. Klasse der Käthe-Kollwitz-Schule an das Schicksal der Großfamilie Hirsch, die an der Faulstraße in der Kieler Altstadt wohnte. Wolff Willy Hirsch war Soldat im Ersten Weltkrieg, arbeitete auf der Germaniawerft und wurde nach der Pogromnacht 1938 „aus Gründen der Staatssicherheit“ entlassen. Das Ehepaar ließ sich pro forma scheiden – Hedwig Hirsch kam aus protestantischem Hause –, konnte aber auch damit dem Schicksal nicht entgehen.

Historische Forschung: (von links) Martha, Jule und Hanna begaben sich mit ihrer Lehrerin Gudrun Gerdom (2. v. r.) auf Spurensuche.
Historische Forschung: (von links) Martha, Jule und Hanna begaben sich mit ihrer Lehrerin Gudrun Gerdom (2. v. r.) auf Spurensuche.
 

Die Entrechtung der Juden war gekoppelt mit der Enteignung, wie bei der Altwarenhändlerin Rosa Lewin und ihrer Schwester Dora, Inhaberin einer angesagten Pianohandlung. Auch sie wurden am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Christel Pieper von der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) organisiert regelmäßig Touren zu den Kieler Stolpersteinen (E-Mail: christel-pieper@ gmx.de). Seit gestern sind es 255 – und dennoch wartet auf Gunter Demnig noch viel, viel mehr Arbeit.

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