Forschung : Auf der Spur der ersten Nomaden

Auf ins ferne Asien: Professorin wird ihren Laborkittel gegen Kleidung für die Steppe eintauschen, um mit ihrem Team Knochen, Zähne, Werkzeuge und Keramikscherben zu sammeln.
Auf ins ferne Asien: Professorin wird ihren Laborkittel gegen Kleidung für die Steppe eintauschen, um mit ihrem Team Knochen, Zähne, Werkzeuge und Keramikscherben zu sammeln.

Die Kieler Professorin Cheryl Makarewicz erforscht mit ihrem Team das Leben vor 5000 Jahren in der Steppe. Dort entstanden vor rund 5000 Jahren die ersten nomadischen Lebensformen. Mit der Ausrichtung der Ernährung auf Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde gilt dies als Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte.

shz.de von
04. Juni 2018, 12:26 Uhr

Aus Jägern und Sammlern wurden in der Geschichte der Menschheit einst sesshafte Bauern und Hirten – die Archäologen sprechen von der „Neolithischen Revolution“. Wie aber entwickelten sich die Nomaden, die mit ihren Tierherden durch die Steppe streiften? Wie sah ihre Ernährung aus, wie komplex gestaltete sich ihr soziales Leben? Das will ein Team der Christian-Albrechts-Universität (CAU) unter Leitung der Archäo-Zoologin Cheryl Makarewicz erforschen.

Der Europäische Forschungsrat unterstützt das auf fünf Jahre angelegte Projekt in den fernen asiatischen Steppengebieten mit zwei Millionen Euro. Und das ist eine Auszeichnung: Von insgesamt gut 2500 Anträgen wurde nur jeder achte angenommen, für Deutschland gibt es nur bewilligte 56 Projekte – eines davon ist die Nomaden-Forschung.

Cheryl Makarewicz hat seit 2010 die Professur für Archäo-Zoologie und Isotopenforschung am Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU inne. Nach ihrer Promotion in Harvard erforschte sie zunächst die Tierhaltungsstrategien der Vor- und Frühzeit, ihr Schwerpunkt gilt der „Domestizierung“, der Zähmung und Nutzung wilder Tiere in Vorderasien. Zudem leitete sie archäologische Ausgrabungen in Jordanien, wo es bereits vor 11 000 Jahren Gemeinschaften gab, die ihre eigenen Lebensmittel herstellten – also nicht mehr auf die Jagd gingen.

Vor rund 5000 Jahren entstanden dann die ersten nomadischen Lebensformen in der eurasischen Steppe. Mit der Ausrichtung der täglichen Ernährung auf Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde gilt dies als Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte. Das CAU-Team geht der Frage nach, welche Auswirkungen die neue Lebensform auf die Ernährung, auf die soziale Welt und die Religion der Menschen hatte.

Die Arbeit für Cheryl Makarewicz und ihr Team beginnt im Mai. Die Forscher wollen zunächst menschliche und tierische Knochen und Zähne sowie Keramikscherben in der Mongolei, in Russland, Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan sammeln. In diesem „Archiv“ der alten Kulturen lassen sich viele biomolekularen Informationen herauslesen. Wissen wollen die Forscher beispielsweise, wovon sich die frühen Nomaden ernährten, wie sie ihre Tiere betreuten und in welchem Radius sie sich bewegten.

„Dies ist das erste interdisziplinäre Projekt, das die genauen Mechanismen in Bezug auf Lebensunterhalt und soziales Miteinander untersucht, welche den Übergang von der Jagdgesellschaft zum Hirtentum vor über 4500 Jahren in dieser Region der Welt vorantrieben. Wir beschäftigen uns hier mit fundamentalen Fragen, deren Beantwortung bisher noch nie versucht wurde“, so Professorin Makarewicz. Aufzeigen will sie auch, wie sich die Natur veränderte, als die Nomaden damit begannen, die Landschaften für die Ernährung ihrer Viehherden zu nutzen. Die Forschung geht weit über die Ernährungsfrage hinaus und nimmt sich auch der sozialen und kulturellen Entwicklung an.
Denn schon bald waren Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde nicht mehr nur reine
Grundlage für die Ernährung, sondern symbolisches Medium.

Die weit verstreuten nomadischen Gemeinschaften kamen in Zeremonien an großen Steinmonumenten, den „Kurganen“, zusammen. Hier hat es offenbar auch rituelle Schlachtungen von Tieren gegeben. Die Knochen wurden nach der Zeremonie in den Monumenten und in menschlichen Grabstätten vergraben. Was wiederum die große Bedeutung der Vierbeiner für den Menschen unterstreicht. Nun, man weiß: Aus den Nomaden entwickelten sich legendäre und mächtige Reitervölker, die auch in Europa gefürchtet waren.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen