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Kiel

18. Dezember 2017 | 04:25 Uhr

Asylbewerber in Hotel eingezogen

vom

Rendsburger Hof in Russee nach drei Jahren Leerstand neues zu Hause für Flüchtlinge aus Syrien und Irak / Nach Unruhe Wogen geglättet

shz.de von
erstellt am 06.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Kiel | Von außen ist es zu sehen. Und von innen sowieso: In das alte Hotel "Rendsburger Hof" ist wieder Leben eingekehrt. Jalousien an den Fenstern schaffen in den Zimmern etwas Privatsphäre, dort, wo nun Flüchtlinge wohnen. In der Küche lädt ein neuer Kicker zu einer Runde Tischfußball ein, und auf der Fensterbank im Gemeinschaftsraum ziehen die neuen Bewohner in alten Eierkartons kleine Pflänzchen heran.

Die Sonne lächelt freundlich durchs Fenster, als die kleine Natali (5) mit Helferin Kerstin Schoneboom Karten spielt. Natali ist eines von vier Kindern der Syrerin Niruz (40). Seit knapp vier Wochen leben die Asylbewerber im Rendsburger Hof. Sie gehören zu den ersten von derzeit 14 Bewohnern aus Syrien und dem Irak, die aus der zentralen Einrichtung in Neumünster kommen und in Russee von der Stadt Kiel einen Platz zugewiesen bekommen haben. Platz ist für rund 20 Leute, die sich vier Bäder und eine Gemeinschaftsküche teilen. Erwartet werden noch Asylbewerber aus einem Flüchtlingslager in Jordanien. Sie sollen im Juni ankommen.

Im Vorfeld hatte es in dem Stadtteil südwestlich des Zentrums kräftig rumort. Die Stadt Kiel hatte den Ortsbeirat Russee/Hammer Anfang des Jahres mit der Entscheidung, dass das ehemalige Hotel angemietet und als Flüchtlingsunterkunft genutzt wird, vor vollendete Tatsachen gestellt. Unter den betroffenen Anwohnern entstand Unruhe. Sorgen vor Umsatzeinbußen äußerten Geschäftsleute, Angst vor den fremden Asylbewerbern andere. Das Thema war so heikel, dass sich kaum jemand namentlich dazu äußern wollte. Die Kieler Stadtverwaltung musste sich Kritik an ihrer Informationspolitik gefallen lassen. Auch bei einem gemeinsamen Treffen aller beteiligten Institutionen (Stadtverwaltung, Christlicher Verein, Kirchengemeinde) im Rendsburger Hof erinnerten sich jetzt Vertreter der Verwaltung nur ungern an die vergangenen Wochen: "Die Wogen kochten hoch." Widersprüche gegen die Nutzungsgenehmigung des Hauses seien beim Ordnungsamt eingereicht worden - "dem wurde aber nicht stattgegeben, das ist rechtlich einwandfrei", hieß es.

Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Das Haus, das Jahre leer stand, wurde renoviert, der Brandschutz auf den aktuellen Stand gebracht. Allmählich entwickelt sich so etwas wie Alltag in dem Haus. Und neben einer Anti-Bewegung entstand auch eine Pro-Bewegung in Russee. Die Kirche, Initiativen und einzelne Bürger wollen sich engagieren. Dazu beitragen, dass die Asylbewerber und ihre Kinder sich in der Umgebung schneller orientieren, sich integrieren können. So gibt es ab heute im Saal des alten Hotels drei bis vier Mal pro Woche Deutschkurse. Die Kirchengemeinde bemüht sich um eine Betreuung für die kleineren Kinder an zumindest einem Nachmittag in der Woche. Für Ende August planen der TSV Russee und die Freiwillige Feuerwehr ein Straßenfest auf der Rendsburger Landstraße - und wollen die Asylbewerber ins Programm einbinden. Der Christliche Verein Kiel betreut die neuen Bewohner generell für zwei Stunden am Tag.

Und dann gibt es noch Menschen wie Kerstin und Stefan Schoneboom aus dem Stadtteil Hassee. Sie wollen die Situation der Flüchtlinge verbessern. Selbst wenn es einfach Kartenspielen gegen die große Langeweile ist. "Ich begleite auch Natalis Bruder Yousef auf dem Radweg zur Schule, weil er die Verkehrszeichen nicht versteht", sagt Kerstin Schoneboom. "Für mich ist es einfach Nachbarschaftshilfe."

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