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Tote Kadettin Jenny Böken : Anwalt: „Den Eltern geht es null um Geld“

vom
Aus der Onlineredaktion

Der Prozess um die Kadettin Jenny Böken wird ab September neu aufgerollt. Vieles in dem Fall liegt noch im Dunkeln.

shz.de von
erstellt am 13.Mai.2016 | 15:00 Uhr

Kiel | Die junge Kadettin Jenny Böken starb in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 - die damals 18-Jährige stürzte über Bord des Segelschulschiffs Gorch Fock. Zwölf Tage später wurde ihr Leiche aus der Nordsee geborgen. Die Kieler Staatsanwaltschaft sprach von einem tragischen Unglück, die Umstände des Todes sind aber bisher nicht geklärt. Doch jetzt soll der Fall neu aufgerollt werden.

Die Gorch Fock ist ein wichtiges Segelschulschiff der Deutschen Marine. Doch noch ein weiterer Unfall brachte ihm negative Schlagzeilen: Am 7. November 2010 starb die 25-jährige Sarah S. durch einen Sturz vom Großmast an Backbord aus 27 Metern Höhe.

Das Oberverwaltungsgericht Münster hat die Verhandlung für den 14. September 2016 angesetzt, wie ein Sprecher des Gerichts auf Anfrage von shz.de bestätigte. Aussagen sollen insgesamt sieben Zeugen, wie der Anwalt der Familie Böken, Rainer Dietz aus Aachen, auf Anfrage von shz.de bestätigte. Darunter sind der Ex-Kapitän der Gorch Fock, Norbert Schatz (59), und der Schiffsarzt Wolfgang Fohr.

„Den Eltern geht es bei dem Prozess null um Geld“, sagt Dietz. Ihnen gehe es einfach darum, endlich zu erfahren, was mit ihrer Tochter in der Septembernacht vor acht Jahren geschah. Aus diesem Grund sollen Zeugen zum Gesundheitszustand der Kadettin aussagen, außerdem sollen Zeugen den damals herrschenden Zustand auf See beschreiben. War es 17 Grad warm oder nur 15? War die See ruhig oder nicht? „Es gab noch keinen Prozess, in dem diese Zeugen aussagen konnten“, so Dietz. Bisher hätten sie keine Gelegenheit. „Ich erhoffe mir bei wahrheitsgemäßer Beantwortung der Fragen neue Erkenntnisse“, sagt der Anwalt.

Der Fall zieht sich schon viele Jahre hin, die Eltern Jenny Bökens waren im Oktober 2014 vor dem Verwaltungsgericht Aachen mit einer Klage auf Entschädigung gescheitert, dagegen hatte ihr Anwalt Rechtsmittel eingelegt. Marlis und Uwe Böken aus Geilenkirchen in Nordrhein-Westfalen hatten die Bundesrepublik auf 40.000 Euro Entschädigung nach dem Soldatenversorgungsgesetz verklagt. Nach diesem Gesetz steht den Eltern eines Soldaten eine Entschädigung zu, wenn dieser bei der Dienstausübung unter besonderer Lebensgefahr stirbt.

Die Eltern Bökens werfen der Staatsanwaltschaft Kiel ungenügende Ermittlungen vor: zu viel sei noch immer ungeklärt, widersprüchlich. Ihre Tochter könne nicht ertrunken sein - denn laut Obduktionsergebnis hatte sie kein Wasser in der Lunge.

Die Bökens wollten gerichtlich klären lassen, ob ihre Tochter damals Dienst unter besonderer Lebensgefahr tat. Sie sagen: Bei der Nachtwache herrschte schwere See bei 15 Grad Wassertemperatur. Ihre Tochter habe keine Schwimmweste getragen - ungesichert auf dem Ausguck.

Auch gegen den Schiffsarzt stehen viele Vorwürfe im Raum. Jenny Böken habe unter extremer Schlaflosigkeit gelitten - er habe davon gewusst, sagte eine Zeugin damals. Die junge Sanitätsoffiziersanwärterin sei immer wieder im Dienst eingeschlafen, zahlreiche Aussagen und eine Beurteilung der Marineschule Mürwick belegten das. Trotzdem stand Jenny Böken auf dem Ausguck - ganz vorne auf dem Segelschulschiff.

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