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Kiel : Anonyme Hilfe für Prostituierte nötig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Angst, Isolation, fehlende Sprachkenntnisse - für Prostituierte ist der Weg, Hilfe zu suchen, besonders schwer. Mehr als 90 Prozent der Sexarbeiterinnen in Kiel kommen aus Osteuropa. Ein Arbeitskreis will eine Anlaufstelle für Beratung schaffen.

Kiel | Sie nennen sich Tatjana, Perle oder Gina. 23 Stunden am Tag sehen sie nichts außer ihr kleines Zimmer mit Bad sowie die Mädchen rechts und links im Flur. Tatjana, Perle oder Gina sind nur ihre Arbeitsnamen. Ihre richtigen Namen kennt nur der Bordellbetreiber, weil er die Kopie ihres Passes hat. Prostitution ist ein hartes Geschäft: Zwischen 115 und 130 Euro müssen die Frauen an Tagesmiete zahlen, das bedeutet mindestens drei bis vier Freier.

Mehr als 90 Prozent der rund 250 Prostituierten in Kiel kommen aus Osteuropa. Manche von ihnen freiwillig, viele wegen falscher Versprechungen, doch nur wenige – im Vergleich zu früher – unter Zwang, wie Kommissarhauptkommissarin Silke Kramm von der Ermittlungsgruppe Milieu weiß. Durch die EU-Erweiterung sei der Markt für Menschenhändler zunehmend unattraktiv, da habe sich viel geändert.

Die Bordelle locken mehrsprachig mit „tollen Arbeitsbedingungen und guten Verdienstmöglichkeiten“, 24-Stunden-Security, Solarium, Hausarzt. Doch die Realität sieht anders aus, wie Claudia Rabe von Contra, der Fachstelle gegen Frauenhandel in Schleswig-Holstein, erzählt. „Hier landen sie dann relativ schnell auf dem Boden der Tatsachen.“ Modellwohnungen und zahlreiche einschlägige Internetangebote sind für Freier wesentlich anonymer und damit attraktiver als Laufhäuser. Für die Frauen dort wird es immer schwerer, die Tagesmiete reinzubekommen. „Schaffen sie es nicht, werden die Schulden vom Wirtschafter aufgeschrieben und summieren sich“, sagt Rabe, „und sie landen in der Spirale von Abhängigkeiten“.

Frauen zu helfen, die aus dieser Spirale ausbrechen wollen, hat sich der Arbeitskreis Prostitution der Stadt Kiel zur Aufgabe gemacht. Polizei, Stadt und Fachberatungsstellen sitzen hier an einem Tisch und suchen nach einem passenden Konzept für eine Anlaufstelle, die alle Beratungsbedürfnisse bündelt: von der Schuldner- über die Rechts- und Vermögensberatung bis hin zur Krankenversicherung oder kostenlosen Gesundheitsuntersuchung. Claudia Rabe: „Wir brauchen dringend eine solche Anlaufstelle, weil wir nicht wollen, dass Prostitution mit Gewalt und Ausbeutung verbunden ist.“

Das Problem: „Die meisten Frauen wissen kaum von ihren Rechten, alternativen Arbeitsmöglichkeiten oder einem Weg aus der Prostitution“, so Rabe. Auch sehen sich ausgebeutete Frauen, in deren Heimat die Zustände noch schlechter sind, oftmals nicht als Opfer. „Das macht es so schwer, einen Zugang zu finden“, sagt Silke Kramm. Sprachbarrieren und ein Leben in der Isolation aus Angst einen Freier zu verpassen, erschweren die Situation für die Fachleute zusätzlich. Regelmäßig besuchen Silke Kramm oder Mitarbeiter des städtischen Gesundheitsamtes die Laufhäuser, um die Frauen mit Informationen zu versorgen und sich nach ihren Bedingungen und der Gesundheit zu erkundigen. „Doch damit erreichen wir längst nicht alle “, sagt Claudia Rabe.

Auch zu Contra kommen die Frauen in die Beratungsstelle oft „mit ganz normalen Fragen nach der Krankenversicherung, aber auch nach Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten“. Die Mitarbeiterinnen versuchen auf alles eine Antwort zu finden, doch Ziel des Arbeitskreises Prostitution ist eine dauerhafte, passende Lösung. Dr. Ina Hunecke, die Rechtsexpertin des Arbeitskreises: „Wir brauchen eine Anlaufstelle, denn Schleswig-Holstein ist eines der wenigen Länder, in denen es bisher keine gibt.“

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erstellt am 24.Jan.2014 | 05:58 Uhr

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