Interview : „Amok 02.03.18“: Kieler Gymnasium bedroht

<p>Die Max-Planck-Schule am Südfriedhof in Kiel.</p>
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Die Max-Planck-Schule am Südfriedhof in Kiel.

Amokdrohung an der Max-Planck-Schule: Das sagt Schulleiter Jens-Peter Meißner zu Bedrohungsszenarien an deutschen Schulen.

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02. März 2018, 20:04 Uhr

Der Unterricht an der Max-Planck-Schule Kiel fiel am gestrigen Freitag für alle 1000 Schüler aus. Der Grund: Ein Unbekannter hatte am Donnerstag mit Schulkreide „Amok am 02.03.18“ auf einen Tisch in der Mensa des Gymnasiums geschrieben. Nach Absprache mit dem Kollegium, der Schulaufsicht und der Polizei entschied Schulleiter Jens-Peter Meißner, den Unterricht am Freitag zur allgemeinen Beruhigung ausfallen zu lassen.

Herr Meißner, wieviel Erfahrung haben Sie mit Drohungen dieser Art?

Ich bin jetzt seit elf Jahren Schulleiter an dieser Schule und so einen Vorfall habe ich noch nicht gehabt. Das ist das erste Mal, dass so eine Amokdrohung hier passiert ist. Ich würde auch sagen, dass es anderen Gymnasien auch so geht. Ich bin seit einigen Jahren Sprecher der Kieler Gymnasien und kenne mich in diesem Bereich aus. Bei anderen Schularten fehlen mir die Kenntnisse.

Wie haben Sie die Ereignisse am Donnerstag erlebt?

Schülerinnen der Oberstufe hatten die Kritzelei bemerkt. Es war mit Tafelkreide auf einen Mensatisch geschrieben worden. Sie haben es fotografiert und sind sofort zu mir gekommen. Es stand „Amok am 02.03.18“ in einer Länge von etwa 30 Zentimetern auf dem Tisch in der hintersten Ecke. Es hatte sich auch schon in der Schülerschaft herumgesprochen. Ich habe das Kollegium informiert, die Schüler über die Klassensprecher und den Schulelternbeirat. Der Vorstand des Schulelternbeirates hat unmittelbar getagt und in Rücksprache mit der Schulaufsicht und der Polizei den Eltern freigestellt, ob sie ihre Kinder am Freitag zum Unterricht schicken. Es war anhand der Reaktionen schnell klar, dass die Schüler nur in ganz geringer Zahl auftauchen werden. Darum haben wir um 18 Uhr entschieden, keinen Unterricht stattfinden zu lassen.

So ganz ohne Erfahrungen in solch einer Situation – was ist in Ihnen vorgegangen?

Es ist auf jeden Fall absolut keine Routine. Durch Vorkommnisse wie in Amerika ist man innerlich darauf eingestellt, dass so etwas auch an der eigenen Schule passieren kann. Auch in Deutschland hat es ja schon Androhungen und sogar Amokläufe gegeben. Ich persönlich war verärgert, weil mir eigentlich klar war, dass es nur ein übler Schülerstreich sein kann. Das hat die Polizei ja auch so eingeordnet und bedenkenlos gesagt: „Herr Meißner, Sie können Ihre Schüler in die Schule lassen.“

Warum ist dann der Unterricht doch ausgefallen?

Die Polizei hatte angekündigt, mit Sicherungsmaßnahmen dafür zu sorgen, dass garantiert keiner das Schulgelände betritt, der einen Amoklauf plant. Aber auch die angekündigte Präsenz der Polizei konnte die große Verunsicherung bei den Erziehungsberechtigten nicht auslöschen. Viele Eltern haben auch auf eine eindeutige Ansage gewartet. Vorbildfunktion und Zivilcourage auf der einen Seite, auf der anderen Seite Angst: Das ist eine schwierige Situation für Eltern. Ich glaube, als die Ansage aus der Schule kam „Nein, die Schule findet nicht statt“ war das eine Erleichterung für viele.

Sie haben selbst drei Kinder. Entscheidet der Schulleiter anders als der Vater?

(lacht) Das könnte sein, ja. Als Schulleiter würde ich sagen: Da ist doch nichts bei. Die Polizei ist hier und wir dürfen uns so einem üblen Schülerstreich nicht beugen. Was ist, wenn es nächste Woche irgendwelche Trittbrettfahrer wieder versuchen? Als Vater sieht man das ganz anders.

Glauben Sie, dass solche Bedrohungsszenarien wie ein Amoklauf realistischer werden an Schulen?

Das kann ich nicht prognostizieren. Eigentlich ist die Welt ja noch heil hier in Kiel, aber an anderen Stellen in Deutschland sollte man das auch meinen. Wir sind aber auf etwaige Notfälle vorbereitet durch Handreichungen vom Ministerium und Fortbildungen. Fluchtpläne gibt es, solange ich denken kann. Aber seit den schlimmen Fällen in Deutschland ist alles noch mal sehr viel konkreter geworden. Wir tun alles, um unsere Schüler stark zu machen, zu fördern und fordern, ihnen Zivilcourage zu vermitteln. Aber es gibt an jeder Schule auch Schüler, die Probleme haben und auf die Art Aufmerksamkeit haben wollen. Das ist einer von tausend. Deren Probleme mögen gar nicht aus dem Schulalltag heraus entstehen. Die Ursachen können vielfältig sein, etwa Drogenkonsum oder Frustration in Familienangelegenheiten. Aber in diesem Fall gehe ich nur von einem üblen Streich aus.

Gibt es heute mehr dieser Kinder mit Problemen?

Ja, ich habe den Eindruck, dass Schüler heute häufiger problembehaftet sind als noch vor einigen Jahren. Aber ich glaube, dass Schule das massiv auffangen kann. Das ist zwar eine zusätzliche Belastung für Lehrkräfte, aber sie machen und sie schaffen das. Wir haben in den vergangenen Jahren bei sogenannten schwierigen Schülern gesehen, dass diese Schule ihnen mit den festen Strukturen, den aufmerksamen Lehrkräften und den Arbeitsgemeinschaften Halt gibt. Ich habe den Eindruck, dass die Schule ein wichtiger Rahmen für diese Kinder ist, den sie gar nicht zerstören wollen, sondern den sie ganz im Gegenteil immer gepflegt und erhalten haben.

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